Thema Mai 2012 01 / 282 22 44
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Subsidiarität - das vergessene Prinzip der Katholischen Soziallehre


Die Katholische Soziallehre beruht auf drei Leitbegriffen:

  • Personalität (Würde der Person)
  • Solidarität (mitmenschlicher Zusammenhalt)
  • Subsidiarität (Verantwortlichkeit und Selbsthilfe der kleineren gesellschaftlichen Einheiten beginnend bei der Familie)

Die Würde der Person (Personalität) und der mitmenschliche Zusammenhalt (Solidarität) sind wohlbekannt und werden oft zitiert. Wie aber sieht es mit dem Subsidiaritätsprinzip aus?

Sehen wir uns zunächst dessen Inhalt und Aussage näher an. Das Subsidiaritätsprinzip besagt, dass die höhere staatliche oder gesellschaftliche Einheit nur dann helfend tätig werden und Funktionen der niederen Einheiten an sich ziehen darf, wenn deren Kräfte nicht ausreichen, diese Funktionen wahrzunehmen.

Werfen wir also einen Blick auf die kleinste gesellschaftliche Einheit - die Keimzelle, gewissermaßen: die Familie. Welche Aufgaben, welche Entscheidungen werden noch von der Familie wahrgenommen und welche werden ihr von den übergeordneten gesellschaftlichen Einheiten, also z. B. vom Staat, entzogen.

Die Entwicklung ist besorgniserregend. Von ideologischer Seite wird ein Druck aufgebaut, infolge dessen immer mehr Aufgaben von der Familie weggenommen werden. Die ureigenste Aufgabe der Familie ist die Erziehung der Kinder. Hier sollen sie Geborgenheit erfahren, bis sie schrittweise an ein Leben in der Gesellschaft herangeführt werden. Wie aber sieht die Realität aus: Der Ausbau von "Betreuungseinrichtungen" - natürlich in erster Linie für unter-dreijährige Kinder - hat oberste polistische Priorität. "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" heißt der politische Slogan dafür. Allerdings liegt hier die ganz starke Betonung auf "Beruf" und eine nur sehr geringe auf "Familie".

Kommt das Kind in die Schule, geht es weiter: Die Ganztagsschule soll zur Regelschule werden. Und wieder werden Entscheidungen von der Familie genommen: Ob das Kind seine Talente eher in einem Sportverein entwickeln kann, oder in einer Musikschule oder in einer Theatergruppe, darauf hat die Familie keinen Einfluss mehr. Was in der Schule angeboten wird, das gibt es - darüber hinaus eben nichts.

Die aus ideologischen Gründen geforderte Gesamtschule tut ein übriges: Auch die Schulwahl wird der Familie entzogen. Weil es eben keine Wahl mehr gibt, sondern lediglich eine Einheitsschule für alle.

Die Autonomie der kleineren Einheit - in diesem Fall der Familie - wird zunehmend geschwächt und die Entscheidung der größeren Einheit übertragen - ein klarer Verstoß gegen die Prinzipien der katholischen Soziallehre.

Im wirtschaftlichen Bereich ist die Verstaatlichung kläglich gescheitert. Im Bereich der Erziehung hat man daraus aber nichts gelernt. Hier unterliegt man immer noch dem Irrglauben, Staat und Schule können die Kinder besser erziehen als die Familie. Es hört jedoch nicht dabei auf, Entscheidungen von der Familie weg hin zum Staat zu verlagern. Es wird die Institution Familie selbst angegriffen. Es beginnt bei der Verwirrung der Begriffe. Früher war es klar, was unter Familie zu verstehen ist - so wie es von der Natur vorgegeben ist: Mutter, Vater und deren gemeinsame Kinder. Durch die Ausdehnung des Begriffes Familie (wie im übrigen auch der Ehe) auf alle möglichen und unmöglichen Konstrukte kommt es zu einer Verwässerung und letztlich einer Auflösung des Familienbegriffes. Eine Familienidentität kann sich so gar nicht mehr entwickelt - weil sie gesellschaftlich nicht erwünscht scheint.

Das zeigt sich unter anderem schon am Steuerrecht: Die Leistungsfähigkeit einer Person, die in einer Familie lebt, orientiert sich am Familieneinkommen - unabhängig von der gewählten Arbeitsteilung innerhalb der Familie. Besteuert werden aber die Individuen und nicht die wirtschaftliche Einheit Familie. Das ist so, als würde nicht der Gewinn eines Unternehmens besteuert, sondern - getrennt voneinander - die Buchhaltungs- und die Verkaufsabteilung.

Es soll hier aber nicht verschwiegen werden, dass es durchaus auch positive Ansätze gibt. So wird in Deutschland nun da so genannte "Betreuungsgeld" eingeführt. Familien, die ihre unter-dreijährigen Kinder selbst betreuen und keinen teuren Kindertagesstätten-Platz in Anspruch nehmen, erhalten 150 Euro monatlich. Das ermöglicht Wahlfreiheit und ist ein erfreulicher Beitrag zum Subsidiaritätsprinzip. Es braucht wohl nicht extra erwähnt werden, dass diese Maßnahme von den Ideologen aller Couleurs heftig bekämpft wird.

Aber auch auf höherer Ebene gibt es keine gute Zeiten für das Subsidiaritätsprinzip: Beim viel geschmähten Nationalstaat. Genau dieser Nationalstaat ist es, der den Menschen Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl gibt: man ist eben in erster Linie Österreicher, Schweizer, Franzose, Spanier, ...

Aber ebenso wie bei der Familie geht auch hier die Tendenz von historisch gewachsenen Gemeinschaften hin zu größeren - zentralistischen - Einheiten. Das gemeinsame Europa der Gründungsväter war ein "Europa der Vaterländer": Souveräne Nationalstaaten schließen sich auf der Grundlage gemeinsamer Traditionen, Rechtsauffassungen und Werte zusammen. Die Entwicklung ist jedoch anders gelaufen: Heute werden die Mehrzahl der Gesetze von einer zentralistischen Bürokratie, deren demokratische Legitimation zweifelhaft ist, erlassen.

Die Familie, der Nationalstaat: Zwei Gemeinschaften, die von der herrschenden Ideologie und dem herrschenden Zeitgeist nicht besonders geschätzt werden. Und doch sind es jene Bereiche, die dem Einzelnen Geborgenheit und Heimat geben. Es ist Zeit, sich des Subsidiaritätsprinzips der katholischen Soziallehre zu besinnen - und diesen Gemeinschaften jene Entscheidungen zu belassen, die sie für sich treffen können.


Was ist Ihre Meinung?

  • Als Mitglied einer Familie - als Österreicher: Was meinen Sie, welche Entscheidungen sollen innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft getroffen werden - und welche sollen an die nächstgrößere delegiert werden?

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Quellen: Subsidiarität
Deutscher Familienverband
Katholische Soziallehre
kath.net - Norbert Blüm
Betreuungsgeld

(Josef Falk)