Thema Jänner 2012 01 / 282 22 44
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Wachstum ohne Grenzen - zu satt für Gott?


Im Jahr 2012 wird die österreichische Wirtschaft um 0,4 % wachsen. Real, d. h. die normale Teuerung ist da schon herausgerechnet. Es wird ein schlechtes Jahr sein - aber die Wirtschaft wird immer noch wachsen, wenn auch nur wenig. Für das Jahr darauf wird bereits wieder ein Wachstum von 1,6 % vorausgesagt.

Kann dieses Wachstum unbegrenzt so weitergehen? Gibt es ein grenzenloses Wachstum? Mit dieser Frage beschäftigt sich der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble in einem Gastbeitrag in der Zeitschrift "Christ & Welt".

Solange in unserem Leben alles gut geht, reden wir uns gerne ein, dass wir die volle Kontrolle über uns selbst, unsere Kräfte und unsere Gesundheit hätten. Aber es gibt auch die schwierigen und bedrückenden Lebenssituationen, die von Armut, Krankheit, Hunger geprägt sind; häufig werden uns nur dann unsere Grenzen bewusst.

In Wirklichkeit trifft jedoch die Begrenztheit unserer Existenz, die in solchen Situationen besonders deutlich wird, auf unser Leben als Ganzes zu. Sich dieser Begrenztheit auszusetzen und sie anzuerkennen, ist für uns als Individuen wie auch für die Gesellschaft als Ganze von grundlegender Bedeutung. Genau dies tut auch der Glaube an Gott: Er bringt auf einmalig prägnante Weise die Einsicht zum Ausdruck, dass es für uns Grenzen gibt.

Wolfgang Schäble
Finanzkrise

Welche Leistungen und Errungenschaften wir auch vorzuweisen haben, der Glaube an Gott sagt uns, dass es etwas und jemanden gibt, der vor und über uns steht.

Wir brauchen eine solche Grenze - immer wieder können wir das bemerken. Die Krise der Banken, später der Wirtschaft und ganzer Staaten, mit der wir seit 2008 konfrontiert sind, wurde nicht zuletzt durch die grenzenlose Gier nach immer höheren Gewinnen an den Kapitalmärkten ausgelöst.

Grenzenloses Wachstum kann nur durch die Erzeugung immer neuer Bedürfnisse in der Konsumgesellschaft und durch Raubbau an den auf der Erde verfügbaren natürlichen Ressourcen sicher gestellt werden. Das jedoch führt zu Zuständen, die für das menschliche Wohlergehen und sogar für das menschliche Überleben bedrohlich sind. Und wenn die Europäische Union und insbesondere die Eurozone unter dem Druck der Finanzmärkte an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen, dann hat auch das mit menschlicher Maßlosigkeit zu tun.

Diese Beispiele zeigen, dass wir für unser langfristiges Wohlergehen Grenzen benötigen. Trotzdem versuchen wir immer wieder, ohne diese Grenzen auszukommen. Solange die Dinge gut laufen, reden wir uns ein, es würde diesmal wirklich alles anders. Es ist noch nicht lange her, da wurde spekuliert, ob nicht die Revolutionen der Informationstechnologie und die Globalisierung vielleicht doch immer währendes ökonomisches Wachstum ohne Krise ermöglichen können. Der Glaube an Gott erinnert jedoch daran, dass solche Auffassungen immer falsch und gefährlich sind.

Hände

Aber es geht nicht nur um die Wirtschaft. Ein zentrales Beispiel ist auch der absolute Schutz der menschlichen Würde. Gott und die menschliche Würde - beide sind logisch aufeinander bezogen: Dort, wo die Verantwortung vor Gott zum Ausdruck gebracht wird, gibt es einen Schutz des Individuums, den keine politische oder gesellschaftliche Opportunitätat brechen oder umgehen kann. Die Anerkennung einer solchen unverfügbaren Instanz führt zur Anerkennung von Grenzen, die unserem Handeln gesetzt sind.

Das gegenwärtige Weltwirtschaftssystem ist an beiden Enden verbesserungsfähig: Auf der einen Seite enthält es zu vielen Menschen das vor, was sie wirklich brauchen, und gleichzeitig nährt es ein unbegrenztes und ungebremstes Begehren.

Die Tatsache, dass unsere Wachstumsraten nicht mehr mit denen von Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien mithalten, bedeutet nicht, dass unsere Wirtschaftspolitik erfolglos ist, sondern dass wir bereits einen erheblichen Wohlstand für einen großen Teil der Bevölkerung erwirtschaftet haben und dass andere das erst noch erreichen müssen. Das sollten wir akzeptieren.

Letztlich geht es freilich beim Glauben an Gott nicht nur um die Anerkennung von Grenzen. Wer an Gott glaubt, erkennt an, dass wir die Dinge, auf denen unser Leben im Tiefsten beruht, nicht selbst machen können.


Wie ist Ihre Meinung?

  • Wo liegen die Grenzen menschlichen Handelns?
  • In der Wirtschaft: Ist unbegrenztes Wachstum möglich?
  • In der Wissenschaft: Ist alles erlaubt, was möglich ist?
  • In welchem Zusammenhang stehen Grenzen mit dem Glauben an Gott?

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Quellen: Christ und Welt

(Josef Falk)