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Zölibat - der "Lifestyle Jesu"


Kaum ein anderes Thema steht so sehr im Zentrum der Reformwünsche mancher Gruppen in der Kirche wie die Frage nach dem Zölibat - nach der Ehelosigkeit der Priester. Das war Grund genug für das Wiener Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP), eine Fachtagung zum Thema "Zölibat und Beziehung" abzuhalten, die am 15. Oktober 2011 im Stift Heiligenkreuz stattfand.

Stift Heiligenkreuz

Es gibt wohl nicht viele Orte, die geeigneter sind, um über den Zölibat nachzudenken, als Heiligenkreuz. Seit fast 900 Jahren leben und beten hier Zisterzienser. An ihrer mehr als 200 Jahre alten Hochschule studieren heute mehr als 200 angehende Theologen, von denen sich drei Viertel auf ein zölibatäres Leben vorbereiten.

Schon in seiner Einführung machte der neue Abt von Heiligenkreuz, Maximilian Heim, klar, dass auf dieser Tagung das Thema Zölibat tiefgehender beleuchtet wird, als das sonst in der öffentlichen Debatte üblich ist. Er stellte "ein gewisses Defizit" in den aktuellen Diskussionen fest und empfahl eine Erneuerung aus den Quellen. Dabei nannte er auch das Wesentlichste: "Christus selbst hat ein zölibatäres Leben geführt, eine Pro-Existenz für die Menschen und das Himmelreich." So weise auch der zölibatäre Priester "mit Leib und Seele auf Gott hin".

Die Wiener Psychotherapeutin Rotraud Perner stellte in ihrem Vortrag die Frage "Wieviel Sex braucht der Mensch?". Sie betonte, dass es bei dieser Frage in erster Linie um einen Willensentscheid gehe. Der Mensch sei keine "triviale Maschine". Wer das so sehe, versäume seine eigene Entwicklungschancen: Er bleibt auf frühkindlichem Stammhirnniveau oder auf der Ebene pubertärer Triebdurchbrüche stehen.


Der Pressesprecher der Erzdiözese Wien, Michael Prüller, selbst Vater von acht Kindern, stellte die Gemeinsamkeiten von Zölibat und Ehe heraus. In beiden Fällen handle es sich um einen Bund mit lebenslanger Dimension und Verbindlichkeit, um ein Nein zur These, "dass noch etwas Besseres nachkommt". Beide Lebensformen bräuchten eine Einordnung der Sexualität in einen höheren Zusammenhang, denn auch in der Ehe sei ein konstruktiver Umgang mit der Enthaltsamkeit nötig. "In einer guten Ehe gibt es immer weniger Sex als einer von beiden möchte", so Prüller. Ehe wie Zölibat mache nur "im Kontext der Liebe Sinn". Wer kein guter Zölibatärer ist, wäre im Zweifelsfall auch kein guter Ehemann.

Ehe und Zölibat stünden nicht zueinander, sondern zum unverbindlichen Single-Dasein im Widerspruch.

Michael Prüller

"Ist der Zölibat normal?" - Diese Frage stellte in seinem Vortrag der Dogmatiker und Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz, Pater Karl Wallner. Und die Antwort war überraschend, und doch auch wieder nicht: "Nein, der Zölibat ist nicht normal, sondern übernatürlich." Dessen tiefster Grund sei nämlich in der Grundlosigkeit Gottes zu finden.

Pater Karl Wallner

Die normale, der Natur des Menschen entsprechende, Lebensform sei die Ehe, weil Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat. Die Zölibatären seien die "Sondertruppe des lieben Gottes, die die Existenz Gottes existenziell bezeugt." Die letzte Antwort auf die Frage, warum er ins Kloster gegangen sei, laute: "Weil ich mich in Gott verliebt habe."

Der Grüncer des RPP-Instituts, der Psychiater und Psychotherapeut Ralph Bonelli, wandte sich gegen das weit verbreitete Vorurteil, dass psychische Störungen bei Zölibatären auf ihre Lebensform zurückzuführen seien: Endogene psychische Probleme, wie etwa Depressionen, kämen bei Zölibatären, Verheirateten und Ungebundenen gleich häufig vor.

Die zölibatäre Lebensform sei der "Lifestyle Jesu" - meinte der Regionalobere der St. Johannes-Gemenschaft für Südeuropa, Pater Johannes Lechner. Den Kerninhalt des Zölibats Jesu erklärte Lechner mit seiner Vertrautheit mit dem Vater, die der Schwerpunkt seines Lebens geblieben sei. "Daran teilzuhaben ist der Schwerpunkt der zölibatären Existenz." Es bedürfe der "frei gemachten Zeit, um an der Quelle zu bleiben".

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz betonte, dass der Zölibat keine Disziplinierung sei, sondern der Versuch, Jesu Leben risikoreich nachzuahmen. Der Zölibat könne nur einer großen Liebe wegen gelebt werden - der Liebe zu Gott.


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  • "Wer das erfassen kann, der erfasse es"(Mt 19,12) - die Achtung der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen gründet sich auf Jesus selbst - wie soll die Kirche heute damit umgehen?
  • Berufung zum Priestertum - was bedeutet das?

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Quellen: zölibat.at
katholisch-informiert.ch
kath.net

(Josef Falk)