Thema April 2011 01 / 282 22 44
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Christliche Mystik - "Von Freude durchkitzelt"


"Der in Gott versetzte Mensch wird von Freude durchkitzelt, in allem, was er tut und lässt!"

(Meister Eckhart)

Karl Rahner war ein Prophet.

"Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der Gott erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein." In erschreckender Weise scheint sich dieser Satz zu bewahrheiten. Im gleichen Maße, in dem im kirchlichen Leben alles Mystische einer falsch verstandenen Modernisierung zum Opfer fällt, verringert sich die Zahl der praktizierenden Gläubigen. Die Antwort, die diversen "Initiativen" dazu einfällt, ist: Noch mehr von selben. Noch "moderner" werden, noch grössere Anpassung an den Zeitgeist. Alles, was dem "modernen" Zeitgeist widerspricht, ist zu eliminieren. Das Ergebnis ist absehbar.

Karl Rahner

Es wird Zeit, die Worte des Theologen Karl Rahner ernst zu nehmen. Das Mysterium - das Geheimnisvolle - muss in der Kirche wieder in den Vordergrund treten. Was aber meinte Karl Rahner mit "Mystiker" - was ist unter "Mystik" zu verstehen?

Zunächst einmal ist Mystik nichts spezifisch Christliches. In einem allgemeinen Sinne lässt sie sich als Erfahrung definieren, als Erfahrung des ganz Anderen. Die Mystik ist eine religiöse Erscheinung, die den meisten Religionen eigen ist, vor allem den Hochreligionen. Sie begegnet uns im Islam ebenso wie im Hinduismus und im Buddhismus. Auch im Judentum hat sich eine spezifische Form herausgebildet.

Kloster

Mystik bezeichnet eine Frömmigkeitsform, bei der man eine außergewöhnliche Vereinigung mit dem Unendlichen sucht. Religiöse Überzeugungen werden dabei zur erfahrbaren Wirklichkeit

Dabei ist jedoch eine Abgrenzung zu Esoterik und Okkultismus erforderlich: In diesen Gebieten verfremdet man die Mystik im Sinne von Selbstentdeckung und Vergöttlichung des Individuums auf dem Hintergrund einer pantheistischen Weltsicht. Im Christentum bedeutet Mystik aber immer, sich als bedingter Mensch dem Absoluten - und das ist im Christentum der persönliche Gott - zu stellen und sich mit ihm zu vereinen.


Christliche Mystik hat also sehr wenig mit Esoterik und Okkultismus zu tun - dafür um so mehr mit Gott. Damit wir als Christen wieder Zukunft haben (im Sinne Karl Rahners), muss Gott wieder viel stärker in den Mittelpunkt gestellt werden - so wie es bis vor etwa einem halben Jahrhundert noch der Fall war. Die Kirche ist so vieles, es gibt so viele Aktivitäten, so viele Anliegen und Forderungen, die Nebensächliches betreffen, dass für die Rede von und für das Nachdenken über Gott kaum mehr Platz bleibt.


Aber sind mystische Erfahrungen für den "einfachen Christen" überhaupt möglich - oder ist das nicht eine Sache für besondere Menschen, die wir als "Mystiker" bezeichnen, Meister Eckhart, z. B., oder die im letzten Monatsthema vorgestellte Teresa von Avila? Ja, sie sind möglich - für jeden Christen. Wenn man sich erst einmal auf Gott einlässt und eine Beziehung zulässt, dann kommen sie - die Augenblicke, in denen wir in der Gewissheit und Freude ruhen, Gottes geliebte Kinder zu sein. In diesen Augenblicken, in denen wir spüren, dass nicht zählt, was wir haben oder leisten, sondern wer wir vor Gott und in Gott sind, sind wir alle Mystikerinnen und Mystiker. Wie sagt Meister Eckhart? "Der in Gott versetzte Mensch wird von Freude durchkitzelt, in allem, was er tut und lässt!" Wer diese Freude verspürt , hat eine mystische Erfahrung gemacht.

Meister Eckhart

Und die großen Mystikerinnen und Mystiker, wie etwa eine Teresa von Avila, ein Meister Eckhart, eine Mechthild von Magdeburg, ein Nikolaus von der Flüe? Haben sie keine Bedeutung für uns - z. B. deshalb, weil sie zum Teil schon vor langer Zeit gelebt haben? Die Erfahrung Gottes ist an keine Zeit gebunden - sie kann niemals "unmodern" werden. Deshalb können auch wir heutigen Christen von den niedergeschriebenen Erfahrungen dieses Mystiker aus allen Jahrhunderten profitieren - und sie sind für uns allemal bedeutender als Popstars mit einem sozialen Mäntelchen oder Seitenblicke-erprobte Charity-Profis.

"Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der Gott erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein." Auch wenn das der Entwicklung der letzten Jahrzehnte widerspricht, darf man davon ausgehen, dass es auch in Zukunft "in Gott versetzte Menschen" gibt, die "von Freude durchkitzelt sind, in allem, was sie tun und lassen." Und das sind weder "Fundamentalisten" noch "Ewiggestrige" - sondern das sind die Christen der Zukunft.


Wie denken Sie darüber?

  • "Der Christ der Zukunft" - wer ist das für Sie?
  • Was kann die Kirche tun, um wieder Raum für Gotteserfahrungen zu schaffen?
  • "Von Freude durchkitzelt" - halten Sie diese Worte des Mystikers Meister Eckhart für angemessen, wenn von Gotteserfahrungen die Rede ist?

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Quellen: Mystikvorlesung Prof. Dr. Joseph Schumacher
Der Kirchenbote - Interview Alois Maria Haas
Gesellschaft der Freunde christlicher Mystik
Credo - die Glaubensserie

(Josef Falk)