Thema Juni 2010 01 / 282 22 44
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Volkskirche - Minderheitenkirche



"Als Kaplan habe ich die Kirche in den fünfziger Jahren glanzvoll erlebt", so schreibt Weihbischof DDr. Helmut Krätzl in seinem Buch "Im Sprung gehemmt". Vieles hat sich seither geändert - und vom Glanz der Kirche, der in den fünfziger Jahren noch zu erleben war, ist vielerorts wenig übrig.

Fronleichnam

Zweifellos war die Kirche in dieser Zeit noch im wahrsten Sinn des Wortes "Volkskirche". Dieser Begriff geht davon aus, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung dieser Kirche angehört. Mit einem Anteil der Katholiken an der Gesamtbevölkerung von 66 % trifft das zwar auch heute noch zu, aber die Tendenz ist fallend.

Die fortgeschriebene Entwicklung der letzten 40 Jahre wird die Volkskirche zu einer Minderheitenkirche werden lassen. Und das liegt nicht an innerkirchlichen Organisationsfragen. Auch die aktuelle Missbrauchsdiskussion bringt höchstens eine zeitliche Verlagerung des Schrumpfungsprozesses. Die Ursache dafür liegt vielmehr in einem akuten Glaubensverfall: Laut der Shell-Jugendstudie von 2006 glauben lediglich 30 % der Jugendlichen an einen persönlichen Gott. Sogar bei den katholischen Jugendlichen sind es nur 41 %, die an einen persönlichen Gott glauben (unter evangelischen Jugendlichen sind es 30 %). Was soll einen Menschen langfristig in der Kirche halten, der die fundamentalsten Glaubensaussagen nicht teilt? Aus diesen Zahlen lässt sich die zahlenmäße Stärke der Kirchen in der Zukunft ziemlich klar abschätzen.


Der Übergang von der Volkskirche zu einer Minderheitenkirche scheint also unausweichlich. Viele Kirchenmitglieder bedauern das. Aber gesellschaftliche Minderheit zu sein, ist eigentlich der normale Status für Christen. Jesus sagte nicht umsonst in der Bergpredigt zu seinen Jüngern: "Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht für die Welt". Und an anderer Stelle vergleicht er seine Nachfolger und Nachfolgerinnen mit einer Hand voll Sauerteig, der die ganze Gesellschaft durchdringt und verändert. Wir sollten also diese neue Situation unbedingt als Aufgabe für die Zukunft annehmen.

Bergpredigt

Dennoch spricht grundsätzlich auch nichts gegen eine Volkskirche, im Gegenteil, recht verstanden ist sie sogar das anzustrebende Ideal. Allerdings muss dies an gewisse Bedingungen geknüpft sein, welche heute eben gerade oft missachtet werden. Die Volkskirche kann nicht einfach als gut oder schlecht bezeichnet werden, da Unterschiedliches damit gemeint sein kann.

Wird der Begriff der Volkskirche in Gegensatz zu jenem der Minderheitenkirche gebracht, so meint er meist die Bestrebung, unter statistischen und aktivistischen Gesichtspunkten möglichst stark zu erscheinen. Die Zahl der "Mitglieder" erscheint als das Wichtigste. Wichtig ist in einem solchen Konzept nicht der Inhalt, und schon gar nicht die Rechtgläubigkeit. Doch ohne den wahren Inhalt bleibt Kirche nur äußere Fassade, alles bleibt reine Kulisse und erweckt den Eindruck, dass noch etwas aufrecht ist, was man in Wirklichkeit doch längst abgebaut hat.

Wallfahrt

Das Evangelium ist bei weitem nicht immer eine lockere Wohlfühl-Botschaft. Gerade auch die Bergpredigt hat sich schon zu Zeiten Jesu nicht an die heute gerne zitierte "Lebenswirklichkeit der Menschen" angepasst - und sie tut es auch heute nicht. "Kehrt um und glaubt an das Evangelium" - das ist die Kernbotschaft Jesu Christ. Dieser Ruf zur Umkehr ist der Aufruf, die "Lebenwirklichkeiten" an die Gebote Gottes anzupassen - und nicht umgekehrt.

Das Evangelium und die Gebote Gottes sind für die Kirche nicht verhandelbar. Wenn nur wenige Menschen der Kirche auf diesem Weg folgen wollen, dann ist sie eben eine "Minderheitenkirche".

Aber auch, wenn das Evangelium die eine oder andere Drohung enthält - so ist es dennoch eine Frohbotschaft. "Du hast Worte ewigen Lebens" antwortet Petrus auf Jesu Frage, ob ihn auch die Zwölf - so wie viele andere Jünger - verlassen wollen.


Diese "Worte ewigen Lebens" muss die Kirche wieder vermitteln - und endlich aufhören, über Organisationsfragen zu streiten. Wenn dann vielleicht noch die eine oder andere Fehlentwicklung der letzten 50 Jahre überdacht wird, dann besteht Hoffnung, dass die Kirche irgendwann wieder zu der glanzvollen Volkskirche wird, wie man sie vor einem halben Jahrhundert noch erleben konnte.


Wie meinen Sie?

  • Ist die katholische Kirche heute noch "Volkskirche"?
  • Wie wichtig ist es für die Kirche, "Volkskirche" zu sein?
  • Ist es in der heutigen pluralistischen Gesellschaft überhaupt möglich, dass nahezu alle Menschen einer Kirche angehören?
  • Welche Rolle sollen in dieser Diskussion finanzielle Erfordernisse (Stichwort "Kirchenbeitrag") spielen?

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Quellen: Monastische Informationen
kathweb
kath.net
Shell Jugendstudie

(Josef Falk)