Zorn und Rachsucht
Die Grenzen sind wohl fließend. Was ist noch berechtigte Kritik an Missständen, an echten oder vermeintlichen - und was ist bereits Zorn und Rachsucht? Wo war etwa der Übergang von den Studentenprotesten der Sechziger-Jahre zum Terror der "Roten Armee Fraktion"? Oder ein aktuelleres Beispiel. Wo geht es um berechtigte Kritik an Missbrauchsfällen in der Kirche - und wo beginnt die Kampagne, mit der man eine Weltanschauung, die man nicht teilt, vernichten möchte?
Völlerei und Maßlosigkeit
Zumindest dem Wortlaut nach existiert "Sünde" auf diesem Gebiet noch. "Ich habe gesündigt" sagt man - und meint damit Pralinen und Schweinsbraten. Einst bedeutete Sünde die Markierung zwischen Gut und Böse - heute meint man damit ein gesundheitliches Problem, das einem eventuell ins Haus stehen könnte.
Die "Völlerei" ist aus der Metaphysik in die Ernährungswissenschaften übergewechselt. Sie ist ein Problem, mit dem sich nicht die Seelsorge, sondern die Weltgesundheitsorganisation beschäftigt, übrigens vor einem moralisch fragwürdigen Hintergrund: Den 1,6 Milliarden Übergewichtigen in der Welt stehen eine Milliarde Hungernde gegenüber.
Neid und Missgunst
Neid - das ist einerseits Antrieb und Leistungsansporn: Nur die Tatsache, dass man dem Nachbarn das größere Haus, das schnellere Auto neidet, führt dazu, dass man Überstunden hinlegt.
Aber der Neid kann auch explodieren - er holt dann das Schlechteste aus uns heraus, weshalb ihn niemand eingesteht. Und eines unterscheiden den Neid von anderen Todsüncen: Während Schlemmerei, Unkeuschheit und Habgier zumindest vorübergehend Spaß machen können, quält der Neidische in erster Linie sich selber.
Trägheit des Herzens
Die Mönche, kluge Menschenkenner, wussten, dass die Trägheit die Wurzel aller Süchte ist, der Fresssucht, der Ruhmsucht, der Habgier, die ja nur dazu dienen, die innere Leere zu übertönen.
Nun ist die Seelenträgheit womöglich ein Effekt der Globalisierung, die uns jederzeit alle verfügbaren Schreckensmeldungen aus allen Winkeln der Erde zuträgt.
Aber man darf - gerade in diesem Punkt - nicht zu negativ sehen. Die Spenden- und Hilfsbereitschaft ist groß. Inwieweit es dabei um die Beruhigung des Gewissens geht, ist schwer zu beurteilen . Ein vorschnelles Urteil wäre hier ungerecht.
Nein - es ist nicht alles schlechter geworden und es war früher nicht alles besser. Dennoch ist festzustellen, dass das Bewusstsein über Sünde keinen hohen Stellenwert mehr hat, was sich nicht zuletzt in der Krise des Beichtsakraments zeigt. Und vieles davon, was einst Sünde war, ist heute normal, manchmal sogar eine Tugend. Ob das aber immer zum Wohle der Menschen ist, bleibt dahingestellt.
|