Thema Mai 2010 01 / 282 22 44
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Triumph der Sünde



Die "Sünde"! Altmodisch klingt der Begriff heute. Was bedeutet er im 21. Jahrhundert - hat dieses Wort und der dahinter stehende Inhalt heute noch irgendeine Relevanz? Diesen und anderen Fragen widmet sich ein Leitartikel der Zeitschrift "Der Spiegel" (Nr. 7/13.2.2010).

Hieronymus Bosch

Anhand der sogenannten "Sieben Todsünden" wird dargestellt, welchen Stellenwert der Begriff "Sünde" in der heutigen Zeit hat.

Die Sieben Todsünden wurden im Verlauf der Kirchengeschichte, besonders unter Papst Gregor I (um 540 bis 604), als Warnung für Klosterbrüder als besonders schwere Laster, die zur Wurzel von Sünden werden können, formuliert. Immer wieder haben die Sieben Todsünden auch die Kunst inspiriert. Als Beispiele seien die Gemälde von Hieronymus Bosch und von Otto Dix erwähnt oder auch der Spielfilm "Sieben" mit Brad Pitt. Aber auch die Werbewirtschaft hat den Katalog aufgegriffen. Im Jahr 2003 gabe es eine Eissorte (Magnum der Firma Langnese/Eskimo), deren einzelne Geschmacksrichtungen nach den Sieben Todsünden benannt wurden.


Obwohl der Sünden-Katalog auf den ersten Blick altmodisch und überholt erscheinen mag, meint der Autor des Spiegel-Artikels, dass sich bei genauem Hinsehen die Kirche in ihrer Todsündenlehre als kluge Psychologin erweist. Der Aufruf zur Vermeidung der Todsünden könne auch als Anleitung zur guten Lebensführung verstanden werden, zu aristotelischer Mäßigung, die auch Buddhisten unterschreiben würden.

In der Realität jedoch haben sich einige in den Todsünden aufgezählte Laster ins Gegenteil verkehrt - und werden weniger als Laster als vielmehr als Tugenden angesehen - der Triumph der Sünde. Der Spiegel-Artikel zeigt dies anhand der einzelnen Todsünden auf:


Hochmut und Eitelkeit:

Fitnesscenter, Kosmetika, Botox-Kliniken, Wellnessfarmen setzen rund 20 Milliarden Euro allein in Deutschland um - und sie schicken ihre Kunden in ein Rennen, das sie nie gewinnen können. Dieser Kampf einer alternden westlichen Gesellschaft ist tragisch und komisch zugleich. Wir setzen keine Kinder mehr in die Welt, sondern wollen die ewige Jugend für uns selber.

Was einmal Sünde war, ist heute Tugend! Die Seitenblicke-Gesellschaft macht es vor. Show wie "Germany's Next Topmodel" bringen hohe Einschaltquoten. Hilft es aber irgdnd jemendem zu einem geglückten Leben?

Hochmut

Habgier und Geiz:

Geiz - eine Todsünde? Aber nein, "Geiz ist geil"! Auch hier ist eine ehemalige Todsünde salonfähig geworden - auch wenn sie soeben fast die ganze Welt an die Wand gefahren hätte. Bis zu 30 Billionen Dollar sind in der Finanzkrise an Aktienkapital zwischenzeitlich verbrannt worden, rund 60 Prozent des Aktienvermögens.

Gerade heute zeigt sich, dass die Kirchenväter so unrecht nicht hatten, als sie die Habgier in den Katalog der Todsünden aufnahmen: Habgier bei den Börsenzockern de Lehman-Bank. Habgier bei den Big Playern auf der Jagd nach gigantischen Bonuszahlungen. Habgier bei Kleinanlegern, die sich auf Spekulationen einließen und sich ruinierten.

Die Sieben Todsünden

Wollust und Genusssucht

Man muss gar nicht erst die einschlägigen Seiten im Internet bemühen. Nur zu oft reicht es schon, den Fernseher am Vorabend einzuschalten, um zu erfahren, was der Zeitgeist als erstrebenswertes Ziel vorgibt: Sexuelle Aktivität, so häufig und so abwechslungsreich wie möglich - als Selbstzweck und nicht eingebettet in eine langfristige - wenn möglich lebenslange - Beziehung. Wundert es da wirklich noch jemanden, wenn Ehen - sofern sie überhaupt noch geschlossen werden - fast schon in ihrer Mehrzahl wieder geschieden werden?

Im Vordergrund steht (und als erstrebenswert gilt) die kurzfristige Lust - das langfristige Glück ist altmodisch geworden, vom ewigen Heil gar nicht zu sprechen.


Zorn und Rachsucht

Die Grenzen sind wohl fließend. Was ist noch berechtigte Kritik an Missständen, an echten oder vermeintlichen - und was ist bereits Zorn und Rachsucht? Wo war etwa der Übergang von den Studentenprotesten der Sechziger-Jahre zum Terror der "Roten Armee Fraktion"? Oder ein aktuelleres Beispiel. Wo geht es um berechtigte Kritik an Missbrauchsfällen in der Kirche - und wo beginnt die Kampagne, mit der man eine Weltanschauung, die man nicht teilt, vernichten möchte?


Völlerei und Maßlosigkeit

Zumindest dem Wortlaut nach existiert "Sünde" auf diesem Gebiet noch. "Ich habe gesündigt" sagt man - und meint damit Pralinen und Schweinsbraten. Einst bedeutete Sünde die Markierung zwischen Gut und Böse - heute meint man damit ein gesundheitliches Problem, das einem eventuell ins Haus stehen könnte.

Die "Völlerei" ist aus der Metaphysik in die Ernährungswissenschaften übergewechselt. Sie ist ein Problem, mit dem sich nicht die Seelsorge, sondern die Weltgesundheitsorganisation beschäftigt, übrigens vor einem moralisch fragwürdigen Hintergrund: Den 1,6 Milliarden Übergewichtigen in der Welt stehen eine Milliarde Hungernde gegenüber.

Neid und Missgunst

Neid - das ist einerseits Antrieb und Leistungsansporn: Nur die Tatsache, dass man dem Nachbarn das größere Haus, das schnellere Auto neidet, führt dazu, dass man Überstunden hinlegt.

Aber der Neid kann auch explodieren - er holt dann das Schlechteste aus uns heraus, weshalb ihn niemand eingesteht. Und eines unterscheiden den Neid von anderen Todsüncen: Während Schlemmerei, Unkeuschheit und Habgier zumindest vorübergehend Spaß machen können, quält der Neidische in erster Linie sich selber.


Trägheit des Herzens

Die Mönche, kluge Menschenkenner, wussten, dass die Trägheit die Wurzel aller Süchte ist, der Fresssucht, der Ruhmsucht, der Habgier, die ja nur dazu dienen, die innere Leere zu übertönen.

Nun ist die Seelenträgheit womöglich ein Effekt der Globalisierung, die uns jederzeit alle verfügbaren Schreckensmeldungen aus allen Winkeln der Erde zuträgt.

Aber man darf - gerade in diesem Punkt - nicht zu negativ sehen. Die Spenden- und Hilfsbereitschaft ist groß. Inwieweit es dabei um die Beruhigung des Gewissens geht, ist schwer zu beurteilen . Ein vorschnelles Urteil wäre hier ungerecht.



Nein - es ist nicht alles schlechter geworden und es war früher nicht alles besser. Dennoch ist festzustellen, dass das Bewusstsein über Sünde keinen hohen Stellenwert mehr hat, was sich nicht zuletzt in der Krise des Beichtsakraments zeigt. Und vieles davon, was einst Sünde war, ist heute normal, manchmal sogar eine Tugend. Ob das aber immer zum Wohle der Menschen ist, bleibt dahingestellt.


Wie ist Ihre Meinung?

  • Halten Sie die Unterscheidung zwischen "Todsünde" und "lässlicher Sünde" für sinnvoll?
  • Ist überhaupt der Begriff der "Sünde" sinnvoll - oder gibt es nur von Menschen aufgestellte Normen?
  • Kann man überhaupt Menschen für ihr Tun verantwortlich machen - oder ist dieses ausschließlich oder überwiegend in ihrer Vergangenheit und genetischen Ausstattung begründet?
  • Die "Sieben Todsünden" beschreiben Charaktereigenschaften und nicht Handlungen - kann man bei Charaktereigenschaften von "Sünde" sprechen?

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Quellen: Der Spiegel Nr. 7/13.2.10 S 61ff
Was ist aus der Sünde geworden?

(Josef Falk)