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Caritas in Veritate - Die Sozialenzyklika Papst Benedikts XVI.



Die dritte Enzyklika Papst Benedikts XVI. reiht sich in die über 100-jährige Geschichte der Sozialenzykliken ein. Die Auseinandersetzung der Päpste - und damit der Kirche - mit den sozialen Fragen wurde im Jahr 1891 von Papst Leo XIII. mit der Enzyklika "Rerum novarum", die sich mit der Arbeiterfrage beschäftigte, begonnen. 1931 veröffentlichte Pius XI. "Quadragesimo Anno" über Gesellschaftsreformen. Johannes XXIII. schrieb 1961 in "Mater et Magistra" über die jüngsten Entwicklungen des gesellschaftlichen Lebens und seine Gestaltung im Licht der christlichen Lehre. 1967 verlangt Paul VI. in "Populorum Progressio" eine Änderung der bestehenden Strukturen zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern und fordert u. a. die Internationalisierung der Entwicklungshilfe. Johannes Paul II. beschäftigt sich in "Laborem exercens" mit der geistlichen und körperlichen Arbeit, die der Würde des Menschen entsprechend gestaltet werden soll. Im Jahr 1991 zum 100. Jahrestag von "Rerum novarum" veröffentlicht er die Enzyklika "Centesimus annus".

In diese Tradition fügt sich nun Benedikt XVI. mit seiner Enzyklika "Caritas in Veritate" ein.

In der Einleitung geht Benedikt XVI. näher auf den Titel der Enzyklika ein: "Caritas in Veritate" - "Liebe in Wahrheit". Die Liebe - "Caritas" - ist der Hauptweg der Soziallehre der katholischen Kirche. Jede Verantwortung und Verpflichtung geht aus der Liebe hervor, die nach den Worten Jesu die Zusammenfassung des gesamten Gesetzes ist (vgl. Mt 22,36-40). Die Liebe muss aber im Licht der Wahrheit verstanden und praktiziert werden. Die Wahrheit ist das Licht der Vernunft und des Glaubens - und ohne diese Wahrheit läuft die Liebe Gefahr, in bloße Sentimentalität abzugleiten (2).

Im zweiten Kapitel setzt sich der Papst mit dem Begriff "Entwicklung" auseinander. Diese kann dazu führen, dass den Völkern zu einer Überwindung von Hunger, Elend, endemischen Krankheiten und Analphabetismus verholfen wird. Ökonomischer Gewinn ist nützlich, wenn er als Mittel einem Zweck zugeordnet ist. Die ausschließliche Ausrichtung auf Gewinn läft jedoch Gefahr, Vermögen zu zerstören und Armut zu schaffen (21).

Caritas in Veritate
Caritas in Veritate

Es wird festgehalten, dass - absolut gesehen - der weltweite Reichtum zunimmt, sich jedoch die Ungleichheiten vergrößern. Fortschritt allein unter wirtschaftlichen und technologischen Gesichtspunkten genüge nicht. Entwicklung müsse echt und ganzheitlich sein (22). Die wirtschaftliche Globalisierung sei sehr stark ausgeprägt, dieser wurde aber keine Globalisierung des Sozialen an die Seite gestellt. Kritisiert werden auch die neuen Formen des Wettstreits unter den Staaten, mit verschiedenen Mitteln - darunter günstige Steuersätze und Deregulierung der Arbeitswelt - Produktionszentren ausländischer Unternehmen anzuziehen. Die Suche nach größeren Wettbewerbsvorteilen werde mit der Reduzierung der Netze der sozialen Sicherheit bezahlt. Die geforderte höhere Arbeitsmobilität führe zu Schwierigkeiten, eigene konsequente Lebensplanungen zu entwickeln, auch im Hinblick auf die Ehe (25). Die Globalisierung wird in der Enzyklika aber nicht ausschließlich negativ gesehen. Sie kann auch zu einer gerechteren Neuverteilung des Reichtums führen. Die Globalisierung wird das sein, was die Menschen aus ihr machen (42).


Ein anderer Aspekt des heutigen Lebens, der mit der Entwicklung sehr eng verbunden ist, ist die Verweigerung des Rechtes auf Religionsfreiheit. Aber auch die planmäßige Förderung der religiösen Indifferenz und des praktischen Atheismus entziehe den Völkern spirituelle und humane Reichtümer. Gott ist der Garant der wahren Entwicklung des Menschen: Der Mensch ist nicht etwa ein verlorenes Atom in einem Zufalls-Universum, sondern ein Geschöpf Gottes, das von ihm eine unsterbliche Seele erhalten hat und von Ewigkeit her geliebt worden ist. Wenn der Staat Formen eines praktischen Atheismus fördert, entzieht er seinen Bürgern die moralische und geistige Kraft, die für den Einsatz in der ganzheitlichen Entwicklung unentbehrlich ist (29).

Das dritte Kapitel behandelt Fragen zur Gerechtigkeit: der Markt könne zwar ausgleichende Gerechtigkeit herstellen. Das heißt, dass es eine gerechte Entsprechung zwischen Geben und Nehmen gibt. Er kann aber nicht eine distributive und soziale Gerechtigkeit sicherstellen - wer nichts zum Geben hat, kann am Markt nicht teilnehmen. Deshalb braucht es eine Ergänzung zum Markt. Das ist einerseits das umverteilende Eingreifen des Staates. Dieses ist sicher erforderlich, es kann aber nicht auf Dauer die Solidarität in den Beziehungen zwischen den Bürgern sicherstellen. "Die exklusive Kombination Markt-Staat zersetzt den Gemeinschaftssinn". - Dieser kann nur gesichert werden, wenn es auch eine Zivilgesellschaft gibt, in der die "Logik der Unentgeltlichkeit", also des Geschenks, wirkt (39).

Wie schon sein Vorgänger Johannes Paul II. - etwa in der Enzyklika "Laborem Exercens" - beschäftigt sich auch Papst Benedikt XVI. mit der "Würde der Arbeit". Würde der Arbeit bedeutet für ihn: eine frei gewählte Arbeit, die die Arbeitnehmer, Männer und Frauen, wirksam an der Entwicklung ihrer Gemeinschaft teilhaben lässt, eine Arbeit, die es gestattet, die Bedürfnisse der Familie zu befriedigen und die Kinder zur Schule zu schicken, ohne dass diese selbst gezwungen sind zu arbeiten; eine Arbeit, die genügend Raum lässt, um die eigenen persönlichen, familiären und spirituellen Wurzeln wiederzufinden (63).

Caritas in Veritate

Die Reaktionen auf die Enzyklika sind geteilt: Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach meint, dass die Probleme der Finanzmärkte ziemlich schwach und blass dargestellt seien. Es fehlen im konkrete Anweisungen oder konkrete Orientierungen, wie sie gelöst werden sollen.

Demgegenüber meint etwa Erich Streissler, Professor für Volkswirtschaftslehre, dass es sich um eine der optimistischsten gesellschaftspolitischen Aussagen handelt, die sich denken lassen. "Probleme werden angesprochen, freilich - durchaus weise - nur selten auch Lösungen vorgeschlagen".


Was denken Sie darüber?

  • Die Kirche und soziale Fragen - Meinen Sie, dass sich die Kirche sozialen Fragen in ausreichendem Maße widmet?
  • Welche Rolle kann eine Enzyklika - oder andere Schreiben dieser Art - dabei spielen?
  • Verschiedene Aussagen der Enzyklika betreffen auch die Politik. Soll die Kirche auch politische Aussagen machen?
  • Können solche Aussagen eine Wirkung haben?

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Quellen: Caritas in Veritate
Die Sozialenzykliken

(Josef Falk)