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40 Jahre Humanae Vitae


Selten hat ein päpstliches Dokument einen solchen Sturm der Entrüstung hervorgerufen wie "Humanae Vitae". Für viele Katholiken kam diese Enzyklika des Papstes Paul VI. im Sommer 1968 - nur drei Jahre nach dem Ende des II. Vatikanischen Konzils - wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Die Frage, ob Katholiken "künstliche" Empfängnisverhütungsmittel verwenden dürfen, stand schon länger auf der Agenda der Weltkirche.

Papst Paul VI.

Die anglikanische Kirche hat schon 1930 in der damaligen Lambeth-Konferenz die relative Freigabe moderner Kontrazeptiva konzipiert. In den 1960er Jahren hielt eine beachtliche Strömung modern empfindender Kleriker und Laien den Zeitpunkt für gekommen, den Konsens mit der gegenwärtigen Zivilisation mittels einer Öffnung der katholischen Ehemoral hin zu einer als zeitgemäß empfundenen, freizügigen Sexualmoral unumkehrbar zu machen.

Im II. Vatikanischen Konzil wurde dieses Thema nicht behandelt. Papst Johannes XXIII. berief jedoch eine Expertenkommission ein, die sich für die relative Freigabe von "künstlichen" Verhütungsmitteln aussprach.

Diese Kommission, die aus Spezialisten der Bereiche Medizin, Biologie, Soziologie, Psychologie und Theologie bestand, legte ihren mit 64 gegen 4 verabschiedeten Abschlussbericht dem Papst vor. Sie empfahlen die Pille oder andere "humane" Mittel zur Empfängnisregelung. Eine Gruppe von fünf Kardinälen - diesen gehörte auch Karol Woytila (der spätere Papst Johannes Paul II.) an - legte Paul VI wenig später ein gegenteiliges Gutachten vor. Dieses "Gutachten der Minderheit" wurde Basis für die Enzyklika.


In den weltweiten Protesten gegen das "Pillenverbot" ging unter, dass Paul VI. in "Humanae Vitae" durch die Betonung der (ehelichen) Liebe bei der Sexualität über die vorkonziliare kirchliche Anschauung, der Sexualakt sei bloß zur Fortpflanzung gerechtfertigt, hinwegging.


Zahlreiche Bischofskonferenzen versuchten nach der Veröffentlichung der Enzyklika, ihren Gläbigen lebbare Wege aufzuzeigen. Österreichs Bischöfe verabschiedeten am 22. September 1968 unter Federführung von Kardinal Franz König die "Mariatroster Erklärung". Dort wird dem einzelnen Katholiken zugestanden, nach reiflicher Gewissensüberlegung zum Urteil zu kommen, die päpstliche Lehre nicht annehmen zu können. Die Mariatroster Erklärung beruft sich darauf, dass "Humanae Vitae" kein "unfehlbares Glaubensurteil" darstelle.

Familie

Die Enzyklika wurde in der breiten Öffentlichkeit bald als "Pillen-Enzyklika" bekannt, obwohl die "Antibabypille" darin nicht erähnt wird. Stattdessen lehrt der Papst. Es gibt eine "von Gott bestimmte unlösbare Verknüpfung der beiden Sinngehalte - liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen" (HV, 12).

Kreuz

Die Kritik an der Enzyklika geht vor allem dahin, dass die Kirche die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätte. Tatsächlich benutzten 1968 längst Millionen Katholiken Verhütungsmittel.

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" meint, dass AIDS und die rasant zunehmende Weltbevölkerung bessere Antworten als ein striktes Kondomverbot und den bloßen Appell zur Enthaltsamkeit brächten. Die katholische Kirche brauche einen angstfreien Blick auf Sexualität und dürfe sich nicht länger "hinter Jahrhunderte alten Mauern verbarrikadieren".


Der katholische Moraltheologe Eberhard Schrockenhoff meint, "Humanae Vitae" enthalte über weite Strecken großartige Passagen über den Sinn der ehelichen Liebe. Er betont jedoch zugleich, wenn breite Kreise das darin enthaltene Verbot für ihr Leben als irrelevant betrachteten, lasse sich diese Distanz nicht allein mit einem Appell an die Gehorsamspflicht der Gläubigen beantworten.

Paul VI. nennt in Nr. 17 mögliche Folgen der Freigabe empfängnisverhütender Mittel:

  1. die Einladung zu ehelicher Untreue
  2. allgemein niedrigere moralische Standards
  3. weniger Respekt der Männer vor den Frauen
  4. staatlicher Zwang zum Einsatz empfängnisverhütender Mittel.

Angesichts von - unter anderem - hoher Scheidungsraten und starkem Geburtenrückgang muss man Paul VI. zu gute halten, dass seine Besorgnis nicht unbegründet war. Ob "Humanae Vitae" das richtige Mittel gegen diese Entwicklungen war, ist eine andere Frage.


Was denken Sie?

  • Hat Humanae Vitae der Kirche geschadet?
  • Wenn ja - inwiefern?
  • Ist die Unterscheidung in "natürliche" und "künstliche" Mittel der Empfängnisverhütung gerechtfertigt?
  • Würde die Welt ohne diese Enzyklika anders aussehen - wie?

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Quellen: Humanae Vitae
Mariatroster Erklärung
Die Furche
ORF
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(Josef Falk)