Thema November 2007 01 / 282 22 44
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"Nun sag', wie hast du's mit der Religion?"

Das diesjährige Philosophicum Lech stellte die Gretchenfrage: "Nun sag', wie hast du's mit der Religion?".

Das Philosophicum Lech hat sich seit 1997 unter der wissenschaftlichen Leitung von Konrad Paul Liessmann als Forum für einen freien Austausch der Gedanken etabliert, um zentrale Fragestellungen der Gegenwart aus unterschiedlichen Perspektiven zu erörtern.

"Nun sag', wie hast du's mit der Religion?" so ließ Goethe einst das Gretchen den Faust fragen - dieser Frage mussten sich nun nicht nur die Referenten, sondern auch die vielen Teilnehmer stellen. Wie Religion in der heutigen Zeit aufgefasst werden kann und zu welchem Zwecke sie dient oder ob sie möglicherweise ausgedient hat, welche Stellung sie in unserer Gesellschaft und in anderen Kulturen einnimmt, zu diesen Fragen äußerten sich 12 anerkannte Philosophen und Wissenschafter.

Goethe

Die wohl prägnanteste und am häufigsten diskutierte Formulierung in diesen vier Tagen war die von der "säkularen Gesellschaft". So sprach auch der Theologe Paul Michael Zulehner von der Säkularisierung und ihrer Modernität. In den Megacities wachse die Sozioreligiosität auf Kosten der kirchlichen Spiritualität. Das Ergebnis seien vier bunte, polarisierte Felder: die traditionelle Kirche, ein wachsender Atheismus, ein breites Feld der Spiritualität von Buddhismus bis zur Esoterik sowie ein politisiertes und funktionalisiertes Christentum.

Jan Philipp Reemtsma

Der Literaturwissenschafter Jan Philipp Reemtsma schließlich stellte die Frage: "Muss man Religion respektieren?". Interessant ist Reemtsmas Definition von "Religion". Er braucht einen weiten Begriff, der nicht nur Christen, Juden und Moslems, sondern auch Zeugen Jehovas, Animisten und alle anderen Religionen einschließt - und er kommt zu folgender Definition: "Religiosität besteht in der Überzeugung, dass die Welt nicht aus sich heraus verstanden werden kann". Religiös in diesem Sinne ist derjenige, der meint, was immer wir noch über die Welt herausbekommen können: das, was die Welt im Innersten zusammenhält, das Geheimnis der Welt, ihr Sinn - also irgendwie: das Eigentliche wird es nicht sein. Und: auf dieses Eigentliche kommt es an.

Für Reemtsma liegt das Problem des Respekts darin begründet, dass es viele gibt, die der Ansicht sind, die säkulare Gesellschaft brauche das religiöse Element, weil nur darin etwas zu finden sei, was jede Gesellschaft nötig habe, nämlich "Sinn", "verbindliche Werte", "Orientierung". Nur, wenn eine Gesellschaft diese Werte wirklich brauche, müsse Religiosität tatsächlich respektiert werden.

Der deutsche Philosoph Martin Seel untersuchte in seinem Referat die Frage "Ist eine säkulare Gesellschaft denkbar?". Er unterscheidet die säkulare Gesellschaft vom säkularen Staat, der jede Religiosität ausschließt. Die säkulare Gesellschaft wäre in diesem Sinne eine Lebensführung, in der der Mensch das Maß aller Dinge sei.

Seel lässt sich auf ein Gedankenexperiment ein, ob eine Gesellschaft, in der religiöse Empfindungen, Überzeugungen, Riten und Organisationen keine Rolle mehr spielen, nicht nur bestehen, sondern vergleichsweise genauso gut und stabil wie unsere jetzige funktionieren könnte.

Martin Seel beantwortet diese Frage mit "Ja", wenn er auch den möglichen Wegfall von religiöser Praxis als gravierenden Verlust geschichtlicher, kultureller, moralischer und politischer Aspekte bezeichnet.

Der einzige Naturwissenschafter im 11. Philosophicum war der Astronom Bruno Binggeli. Er beschäftigte sich insbesondere mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft - insbesondere der Physik - und Religion. Dieses Verhältnis sei seit Galilei problematisch. Binggeli vergleicht dieses Verhältnis jedoch mit einem Glas Wasser - ein Schluck Wissenschaft führe zum Atheismus, doch am Ende warte Gott.

Für Binggeli gilt es, wie für viele Naturwissenschafter, den Blick zum Himmel nicht zu verlieren.

Brund Binggeli

"Nun sag', wie hast du's mit der Religion?" - so lautete das Thema des 11. Philosophicums in Lech. Was ist Ihre Meinung?

  • Muss man Religionen respektieren - auch dann wenn man selbst nicht religiös ist?
  • Braucht auch eine moderne Gesellschaft die Religion?
  • Kann eine Gesellschaft existieren, in der religiöse Empfindungen und Organisationen keine Rolle mehr spielen?
  • Sind Naturwissenschaft und der Glaube an einen Schöpfer-Gott vereinbar?

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Quellen: Philosophicum Lech
LitGes
Der Standard
Die Presse

(Josef Falk)