Thema Juni 2007 01 / 282 22 44
pfarre.stadlau@donbosco.at

"Jesus von Nazareth"


Geht das eigentlich, darf er das überhaupt? Der Papst hat ein Buch geschrieben - aber nicht als Papst, sondern als Gelehrter und Privatmann. "Joseph Ratzinger - Benedikt XVI." steht als Autorenunterschrift unter dem Vorwort des Buches "Jesus von Nazareth", als Zeichen für die einmalige Doppelnatur des Verfassers.

Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag ist das erste Buch, das Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. verfasst hat, erschienen. Schon am ersten Verkaufstag entpuppte es sich als Bestseller. Bereits während seiner Zeit als Kardinal in Rom hatte Ratzinger begonnen, das knapp 450 Seiten starke Werk zu schreiben.

Cover
Plakat

Wer war Jesus?

Die historisch-kritische Methode der Bibelauslegung hat zum Ziel, einen biblischen Text in seinem damaligen historischen Kontext auszulegen, wobei die Rekonstruktion der vermuteten Vorgeschichte des Textes eine besondere Rolle spielt. Ein Ergebnis dieser Methode ist die Unterscheidung in einen "Christen des Glaubens", des Bildes von Jesus, wie es nach der Auferstehung von den Jüngern geformt wurde, und dem "historischen Jesus", so wie er tatsächlich gelebt hat.

So ist eine Kluft zwischen dem historischen Jesus und dem Christus des Glaubens entstanden. Der Jesus, von dem uns in den Evangelien berichtet wird, sei vor allem der "Christus des Glaubens" - und dieser hätte nur bedingt etwas mit dem tatsächlichen Menschen Jesus von Nazareth zu tun.

Benedikt XVI. wagt im Buch "Jesus von Nazareth" die These, dass die Jesus-Darstellung der Evangelien stimmiger und zuverlässiger sei als die Rekonstruktionen der historisch-kritischen Exegese. Die Gestalt Jesu sei im Grundzug so, wie sie der kanonische Endtext der neutestamentlichen Zeugnisse porträtiere, im Zentrum seiner Persönlichkeit stehe die Gebetsgemeinschaft mit dem Vater, eine ungebrochene Gottesbezogenheit.

Sind die Evangelien verlässlich?

Papst Benedikt will wieder ins allgemeine Bewusstsein rücken, dass der "wahre historische Jesus" gerade der Christus des Glaubens ist. Der Versuch, aus den Evangelien die vermeintlich ursprünglichen Ereignisse herauszuarbeiten, ist für Ratzinger eine klare Fehldeutung: "Wo sollte eigentlich der nachösterliche Glaube hergekommen sein, wenn der Jesus vor Ostern keine Grundlage dazu bot?". Die Evangelien erzählen nicht nur literarische Geschichten, sondern durchaus geschichtliche Ereignisse, die dann freilich von den Autoren der Evangelien im Licht der Auferstehung und vor dem Hintergrund des Alten Testaments erinnert, so aber nicht verfälscht, vielmehr erst in ihrer vollen Wahrheit erfasst werden.

Nichtsdestotrotz hät der Papst die historisch-kritische Methode sehr wohl für eine unabdingbare Dimension der Schriftauslegung, er verweist allerdings unverblümt auf ihre Grenzen: Sie vermöge Jesus nur als Figur der Vergangenheit wahrzunehmen und betrachte die biblischen Schriften als Literatur, nicht als Gotteswort im Menschenwort. Überdies verbleibe sie im Raum der Hypothesen, auf die der Glaube nicht bauen kann.

Wenn man dem Anspruch der Evangelien folgt, dann war der wahre "historische" Jesus weder ein ethisch liberaler noch ein politisch rebellischer jüdischer Rabbi, sondern das Fleisch gewordene Wort Gottes. Er hat den Gott Israels zu allen Vökern der Erde gebracht. Dies ist die allen vier Evangelien gemeinsame zentrale Aussage. Mit dieser Glaubensaussage im Hintergrund gelesen, erhalten alle Schriftstellen einen schlüssigen Sinn und Einheitszusammenhang.

Jesus Mosaik

Jedenfalls belebt dieses Buch die Auseinandersetzung um die Substanz einer Weltreligion und macht deutlich, dass es im Christentum um mehr geht als um Humanität und Ethik.

Was ist Ihre Meinung?

  • Wer und wie war Jesus - geben die Evangelien darüber verlässlich Auskunft?
  • Oder haben die österlichen und nachösterlichen Ereignisse die Autoren der Evangelien derart beeinflusst, dass deren Berichte mit dem Leben Jesu kaum noch etwas zu tun haben?
  • Ist es glaubwürdig, von Jesus als dem "Sohn Gottes" zu sprechen?
  • Was verstehen Sie unter dem Begriff "Sohn Gottes"?

Sagen Sie Ihre Meinung in unserem FORUM

Quellen: Borromäusverein
Neue Zürcher Zeitung
Die Zeit
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Verlag Herder

(Josef Falk)