Thema Jänner 2007 01 / 282 22 44
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Brückenschlag am Bosporus


Als "kühnes Unternehmen" wurde die Papstreise in die Türkei (28. November - 1. Dezember 2006) bezeichnet. Die Reise hatte vor allem auch durch den Regensburger Vortrag Benedikts XVI. Mitte September eine große politische Dimension bekommen.

Es wurden große Erwartungen in die Reise gelegt. Nicht nur von der Hoffnung auf einen friedlichen Dialog mit der überwiegend muslimisch geprägten Bevölkerung war da die Rede, sondern vor allem auch von einer Ermutigung für die katholische Minderheit im Land und von der Stärkung des Dialoges zwischen orthodoxer und katholischer Kirche durch die Begegnung des Papstes mit dem Oberhaupt der Weltorthodoxie, Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel.

Nichtsdestotrotz galt die Reise als heikel. Haben doch türkische Rechtsnationalisten breite Proteste gegen den Besuch angekündigt.

Die Reise wurde zu einem Brückenschlag - zu einem dreifachen Brückenschlag.

Brückenschlag zum Islam

Statt Protest gab es Lob und Anerkennung für den Papst, vor allem für seinen Besuch in der Blauen Moschee. Er habe "wie ein Muslim" gebetet, schreibt die Zeitung "Milliyet". Im türkischen Fernsehen wurden die Bilder vom Papst in der Moschee mehrfach wiederholt.

Äußerlich war es nur eine kleine Geste, als sich Benedikt XVI zusammen mit dem Mufti von Istanbul, Mustafa Cagrisi, in der Blauen Moschee in Richtung Mekka wendet und die Augen schließt. Und doch sagte der TV-Moderator - wohl nicht zu unrecht - dass in diesem Moment Geschichte geschrieben wurde. Vor dem 79-jährigen Papst hatte nur ein einziger Papst, sein unmittelbaer Vorgänger, Johannes Paul II., eine Moschee betreten.

Wenn diese Geste auch bei weitem nicht die Lösung aller Probleme ist, so zeigt sich doch eines: Es gibt Gemeinsamkeiten zwischen den Weltreligionen - und es ist möglich, dieses Gemeinsame vor das Trennende zu stellen.

Brückenschlag zur orthodoxen Kirche

Vor allem hatte der Besuch des Papstem dem Dialog zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche gegolten. Nachdem im September die offizielle katholisch-orthodoxe Kommission für den theologischen Dialog nach sechsjähriger Unterbrechung ihre Arbeit in Belgrad wieder aufgenommen hatte, zeigte die Begegnung zwischen Papst Benedikt XVI. und dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I. die Herzlichkeit der Beziehungen - trotz der noch bestehenden Hindernisse für die volle Einheit der Kirchen.

In einer gemeinsamen Erklärung sagten Papst und Patriarch der Dialogkommission ihre volle Unterstützung zu und bekräftigten: "Diese Kommssion hat im Namen unserer Kirchen das erklärte Ziel, die vollkommene Gemeinschaft wiederherzustellen."

Benedikt XVI. lud - wie bereits Johannes Paul II. - die orthodoxe Kirche zum Dialog über eine Neubestimmung des Petrusdienstes ein. Dies ist einer der zentralen Streitpunkte. Jesus habe den Apostelbrüdern Petrus und Andreas (als dessen Nachfolger der Ökumenische Patriarch gilt) die gleiche Aufgabe übertragen.

Brückenschlag zur Politik

Erst am Vortag der Ankunft des Papstes hatte sich der türkische Ministerpräsident Erdogan entschlossen, zur Begrüßung zum Flughafen zu kommen. Und auch sonst gestaltete die türkische Regierung wegen zahlreicher aktueller Probleme die Begrüßung des Staatsgastes zurückhaltend. Vor allem die sich hinziehenden, zähen Verhandlungen über einen Beitritt der Türkeit zur EU sowie der islamistische Terrorismus belasten das Verhältnis zwischen Muslimen und der christlichen Welt.

Nach Angaben Erdogans hatte er vom Papst Unterstützung für einen EU-Beitritt der Türkei erhalten. Er habe den Papst um Unterstützung gebeten und der Pontifex habe geantwortet: "Wir wollen, dass die Türkei Teil der EU ist." Der Vatikan hat nicht dementiert. "Der Vatikan hat nicht die Macht und nicht die besondere politische Aufgabe, in einer so fest umrissenen Angelegenheit wie einem EU-Beitritt zu intervenieren, und strebt dies auch nicht an", sagte Sprecher Federico Lombardi in einer Reaktion auf Erdogans Erklärung.

Vatikan-Vertreter hatten in der Vergangenheit wiederholt erklärt, prinzipiell habe Rom keine Vorbehalte gegen einen EU-Beitritt der Türkeit. Allerdings müssten die entsprechenden Betrittsbedingungen erfüllt sein. Dazu gehört unter anderem volle Religionsfreiheit.


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