Thema Oktober 2006 01 / 282 22 44
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Retheologisierung der Politik - Macht Gott Politik?


Rudolf Burger

Kehrt Gott in die Politik zurück? Erlebt religiöser Radikalismus in der modernen Politik ein Revival? Diese Fragen und vieles mehr versuchten die Vortragenden einer Plenarveranstaltung im Rahmen des Forum Alpbach 2006 zu bearbeiten.

Rudolf Burger, Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien strich besonders drei - wie er meint - gefährliche Entwicklungen in der modernen Welt heraus:

Zum Ersten die "Retheologisierung der Politik" beziehungsweise die "Politisierung der Religion", zum Zweiten die "Reprivatisierung des Krieges" und zum Dritten die Rückkehr des "Just War", des "gerechten Krieges".

Die Entwicklung der Retheologisierung sei vor allem in den letzten 20 Jahren, nach der Machtergreifung der Mullahs im Iran im Jahr 1979 zu spüren gewesen. Davor seien die Kriege fast ausschließlich entlang ideologischer Kampflinien verlaufen.

Der sich heute wieder abzeichnende Kampf der Religionen basiere nicht nur auf der Radikalisierung des Islams. Auch im Judentum gäbe es fundamentalistische Entwicklungen in der Orthodoxie, ebenso wie im Christentum. In den USA hätten protestantische Bewegungen schon seit Jahren den nächsten Weltkrieg gegen den Islam vor Augen.

Europa dagegen habe aus den früheren Religionskriegen erkannt, dass diese Konflikte nicht lösbar seien. Diese Erfahrungen fehlten den USA und dem Islam, so Burger.

Burger hält eine jüdische, eine christliche, eine muslimische Demokratie nicht für möglich. Demokratie sei erst möglich, wenn die Gesellschaft säkularisiert sei. Der Kern der europäischen Aufklärung sei der Nihilismus, "dass der Himmel leer ist und wir zur Freiheit verdammt sind".

Eveline Goodman-Thau, Religionswissenschafterin und Rabbinerin, stellte dem gegenüber, dass viele Krisen der heutigen Zeit aus Entscheidungen resultierten, die gerade während der Aufklärung in Europa getroffen wurden, man also kaum die Theologie dafür verantwortlich machen könne.

Auch die Aufklärung hätte Europa nicht vor den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts und auch nicht vor Konflikten wie dem Irak-Krieg bewahrt.



Der britische Politologe John Dunn von der Universität Cambridge betonte, dass kaum Staaten die Retheologisierung gewollt durchgeführt hätten. Er brachte das Beispiel der Türkei, die zwar mit der Modernisierung des Landes einen säkularen Staat, jedoch nie eine säkulare Gesellschaft aufbauen konnte. Glaube die Mehrheit der Bevölkerung an eine Religion, müsse ein demokratischer Staat automatisch diese Religion vertreten. Daher werde es die essenzielle Aufgabe der Politik sein, Kompromisse zu finden, wie die unterschiedlichen Demokratien zusammenleben können.

In diesem Sinne fügte Dunn abschließend hinzu, dass "Demokratie sich selbst zerstört, wenn sie die Religion verbannt".


Was ist Ihre Meinung darüber?
  • Ist eine Retheologisierung der Politik feststellbar?
  • Kann es eine christliche, eine jüdische, eine islamische Demokratie geben?
  • Muss man nihilistisch eingestellt sein, um Demokrat zu sein?
  • Ist der Glaube schuld an den Krisen der heutigen Zeit?

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