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"Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gesellschaft"


Minimum

"Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gesellschaft" - so lautet der Untertitel des Buches "Minimum". Dessen Autor, der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, hat damit für heftige Diskussionen gesorgt. Gibt er mit diesem Buch doch dem Begriff "Familie" einen Stellenwert, der in der heutigen Zeit nicht üblich ist. Das Buch wurde innerhalb von nur zwei Wochen zum Bestseller.

Kaum ein Land in der westlichen Welt erreicht heute eine Geburtenziffer von 2 - das heißt die Zahl von 2 Kindern je Frau. Diese Zahl wäre aber erforderlich, damit die Bevökerungszahl eines Landes (ohne Zuwanderung) konstant bleibt. Wird diese Zahl nicht erreicht, kommt es zunächst zur Überalterung der Bevölkerung - die Zahl der alten Menschen steigt im Verhältnis zur Zahl der jungen - und schließlich zur Bevölkerungsabnahme.

"Wer soll unsere Pensionen bezahlen?" - Auf diesen einfachen Nenner wird das Problem der niedrigen Geburtenziffern häufig gebracht. Obwohl sich Frank Schirrmacher in seinem Buch nicht in erster Linie auf diese ökonomischen Aspekte konzentriert, sollen auch sie näher beleuchtet werden.

Ökonomische Aspekte

"Nicht die Zahl der Menschen ist es, die die Wohlfahrt eines Staates ausmachen, sondern das von den Menschen Geschaffene". So lautet häufig die Argumentation von Gruppen, die eher kein Problem im Geburtenschwund sehen. Die Produktivität sei das Entscheidende, also die Menge an Produkten und Leistungen, die in einer fixen Zeiteinheit von einer fixen Anzahl an Menschen hergestellt bzw. erbracht werden kann.

Die Realität scheint dieses Argument zu bestätigen: es gibt arme Länder mit einer hohen Bevölkerungszahl - und reiche mit einer niedrigen.

Dennoch - es gibt durchaus Argumente dafür, dass eine sinkende Bevölkerung auch negative ökonomische Auswirkungen hat:

  • Nicht in jedem Beruf ist eine steigende Produktivität zu erwarten: gerade in Pflegeberufen, die bei einer immer älter werdenden Bevölkerung hohe Bedeutung haben, lässt sich Produktivität kaum steigern - es wird also ein höherer Prozentsatz der Beschäftigten in diesen Berufen benötigt - Beschäftigte, die in anderen Sparten fehlen werden.
  • Arbeitskräftemangel ist ein Phänomen, das heute kaum vorstellbar ist. Aber im Jahr 2050 werden - bei gleich bleibender Entwicklung - in der EU um 10 Millionen Arbeitskräfte weniger zur Verfügung stehen als heute. Die Produktivität wird kaum im gleichen Ausmaß steigen - ein schwerer Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen Wirtschaftsräumen.

  • Weniger Beschäftigung bremst auch Wachstum und Wohlstand: Wachstumsraten werden von 2,2 auf 1,3 % bzw. im derzeitigen Wirtschaftsmotor Osteuropa von 4,3 auf 0,9 % sinken.
  • Der Anteil altersbedingter Staatsausgaben für Pensionen, Gesundheit, Langzeitpflege usw. wird um 40 % steigen - Geld, das etwa für Investitionen in die Infrastruktur abgeht.
  • Eine Gesellschaft, in der das Alter des Durchschnittswählers knapp unter dem heutigen Frühpensionsalter liegt, ist einfach wesentlich weniger dynamisch als jüngere Gesellschaften.
  • Eine gesunde Bevölkerungsstruktur wird zu einem Standortvorteil werden: "Wer künftig eine stabile oder sogar wachsende Einwohnerschaft vorweisen kann, bietet einen entscheidenden Standortfaktor für die Wirtschaft", analysiert Hans Fleisch, Vorstandschef des Berlin-Instituts für Weltbevökerung und globale Entwicklung.

Gesellschaftliche Aspekte

Es sind jedoch gar nicht die oben genannten ökonomischen Aspekte, die Frank Schirrmacher in seinem Buch anspricht. Das Buch erzählt eine Geschichte:

Die Geschichte der 81 Siedler vom Donner-Pass. Ende November 1846 ereignete sich diese tragische Begebenheit in der Sierra Nevada. Die überwiegend aus Europa stammenden Siedler befinden sich auf dem mühsamen Weg nach Kalifornien, um dort ihre Existenz aufzubauen. Es sind Familien, Einzelgänger und Paare dabei. Doch dann kommt der Winter, Schneestürme und bittere Kälte. Die 81 Siedler sitzen fest und warten auf Hilfe. Kälte und Hunger zehren an der Gemeinschaft, es geht nur noch ums Überleben, viele sterben. Doch wer überlebt die Tragödie? Der Anthropologe Donald Grayson beschäftigte sich mit dieser Frage. Nachdem er alle Todesfälle ausgewertet hatte, wurde ihm klar, was entscheidend für das Durchkommen am Donner-Pass war: die Familie. Je größer die Familie war, desto größer war die Überlebenswahrscheinlichkeit des Einzelnen.

Ausgehend von dieser historischen Begebenheit macht Schirrmacher eine Bestandsaufnahme unserer heutigen Gesellschaft: Wir haben immer weniger Kinder und weniger Verwandte. Daraus entwickelt er seine These:

Gesellschaft ist ein Netz von Menschen - und was sie verknüpft, sind die unsichtbaren aber lebenswichtigen Fäden von Verantwortung, Ethos, Mitgefühl und Liebe. Der Ort, wo diese Fäden gesponnen werden, ist die Familie - doch mit ihr geht es steil bergab. Unsere derzeitigen Geburtenraten bedeuten längerfristig nichts anderes als das Aussterben unserer Nationen.

Eine besondere Dramatik liegt nach Schirrmacher darin, dass weniger Kinder, Geschwister, Cousins und Cousinen eben weniger Beziehungsfäden und weniger Liebe bedeuten: Moral und Altruismus verschwinden mit den Familien, das Individuum ist mit der finanziellen und psychischen Last hoffnungslos überfordert. Die Gesellschaft begräbt sich mit dem Wunsch nach Kindern selbst.

Die Folgen für unsere Gesellschaft sind die gleichen, wie jene für die Siedler am Donner-Pass: der Untergang.


Wie sehen Sie das?
  • Ist der Geburtenrückgang ein Problem?
  • Wird dadurch das Sozialsystem gefährdet?
  • Führt die gegenwärtige Situation gar zum Untergang?
  • Sehen Sie Möglichkeiten zum Gegensteuern?
  • Oder ist das gar nicht notwendig?

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