Thema April 2006 01 / 282 22 44
pfarre.stadlau@donbosco.at

Deus Caritas est - Teil 2



Am 25. Jänner hat Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika vorgelegt.

Während im Thema des Monats März 2006 grundsätzliche Überlegungen über dieses Rundschreiben angestellt wurden, sollen nun einige ausgewählte Fragen herausgegriffen werden.


Der erste Teil, der eher philosophisch-theologisch geprägt ist, trägt den Titel "Die Einheit der Liebe in Schöpfung und Heilsgeschichte". In ihm stellt der Papst Überlegungen über das Wesen und die verschiedenen Arten der Liebe an. Unter anderem wird auch die dem Christentum immer wieder vorgeworfene Leibfeindlichkeit thematisiert.

Gegen Ende dieses ersten Teils werden folgende beiden Fragen gestellt:

  • Können wir Gott überhaupt lieben, den wir doch nicht sehen?
  • Kann man Liebe gebieten?

Können wir Gott lieben, den wir doch nicht sehen?

Der Frage wird zunächst ihre grundsätzliche Bereichtigung zugestanden. "Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, denn er nicht sieht", heißt es im 1. Johannesbrief. Es ist ja tatsächlich so: Niemand hat Gott gesehen, so wie er in sich ist. Aber: Gott ist uns nicht gänzlich unsichtbar, nicht einfach unzugänglich geblieben. Gott hat sich sichtbar gemacht: In Jesus können wir den Vater anschauen (vgl. Joh 14,9). Es gibt eine vielfältige Sichtbarkeit Gottes. In der Geschichte der Liebe, die uns die Bibel erzählt. Auch in der weiteren Geschichte der Kirche ist Gott nicht abwesend geblieben: Immer neu geht er auf uns zu: durch Menschen, in denen er durchscheint; durch sein Wort, in den Sakramtenten, besonders in der Eucharistie. Wir erfahren die Liebe Gottes in der Liturgie der Kirche, in ihrem Beten in der lebendigen Gemeinschaft der Gläubigen.

Gott hat uns zuerst geliebt - und wir können diese Liebe sehen und spüren. Deshalb können wir auch mit Liebe antworten.

Kann man Liebe gebieten?

"Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" heißt der zweite Teil des Liebesgebotes. Aber ist ein derartiges Gebot überhaupt sinnvoll? Ist die Liebe nicht ein Gefühl, das da ist oder nicht da ist, das aber nicht vom Willen geschaffen werden kann?

Diese Frage beantwortet die Enzyklika so, dass die Liebe eben nicht bloß ein Gefühl ist. Das Gefühl kann zwar eine großartige Initialzündung sein, ist aber nicht das Ganze der Liebe. Zur Reife der Liebe gehört es, dass sie alle Kräfte des Menschen einbezieht. Die Liebe ruft auch unseren Willen und Verstand auf den Plan. Im ganzheitlichen Akt der Liebe sind Verstand, Wille und Gefühl vereinigt. Die Liebe ist also durchaus dem Willen unterworfen, was jedoch ein Vorgang ist, der fortwährend unterwegs bleibt: Liebe ist niemals "fertig" und vollendet.


Der zweite Teil der Enzyklika hat den Titel "Das Liebestun der Kirchte als einer 'Gemeinschaft der Liebe'" und beschäftigt sich mit den praktischen Aspekten der Nächstenliebe - der Caritas.

Eine der zentralen Fragen, die hier behandelt werden, lautet:

Sollte die Kirche nicht eher eine gerechte Ordnung anstreben, in der es keine Notleidenden mehr gibt, als sich in Form der Caritas um die Notleidenden zu kümmern?

Die Antwort der Enzyklika lautet: Das Ziel ist zweifellos die Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung, in der jedem das seine zuerkannt wird und niemand Not leidet. Die gerechte Ordnung der Gesellschaft und des Staates ist zentraler Auftrag der Politik. An dieser Stelle berühren einander Politik und Glaube und hier ist auch der Ort der Katholischen Soziallehre anzusetzen: Sie will nicht der Kirche Macht über den Staat verschaffen; sie will auch nicht Einsichten und Verhaltensweisen, die dem Glauben zugehören, denen aufdrängen, die diesen Glauben nicht teilen.

Die Soziallehre der Kirche weiß, dass es nicht Auftrag der Kirche ist, diese Lehre politisch durchzusetzen. Was sie jedoch schon will, ist der Gewissensbildung in der Politik dienen und helfen, dass die Hellsichtigkeit der Gerechtigkeit wächst.

Das Erbauen einer gerechten Gesellschafts- und Staatsordnung ist eine politische Aufgabe und kann nicht der unmittelbare Auftrag der Kirche sein.

Unmittelbarer Auftrag der Kirche ist jedoch die Liebe - die Caritas, die immer nötig sein wird, auch in der gerechtesten Gesellschaft. Es gibt keine gerechte Staatsordnung, die den Dienst der Liebe überflüssig machen könnte.

Die karitativen Organisationen der Kirche sind ihre ureigenste Aufgabe, in der sie nicht - wie bei der Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung - mitwirkend zur Seite steht, sondern als unmittelbar verantwortliches Subjekt selbst handelt und das tut, was ihrem Wesen entspricht.


Wie würden Sie diese Fragen beantworten?
  • Kann man Gott, den man ja nicht sieht, lieben?
  • Ist ein Liebesgebot sinnvoll - kann man Liebe gebieten?
  • Sollte die Kirche nicht eher an einer gerechten Gesellschaftsordnung arbeiten als über die Caritas "Almosen" zu verteilen?

Sagen Sie Ihre Meinung in unserem FORUM