Thema November 2005 01 / 282 22 44
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Gott ist wieder da!

Gott ist wieder da? Es klingt wie ein Hohn - angesichts hoher Kirchenaustrittszahlen und leerer Kirchen. Aber vielleicht ist das eine zu enge Sicht. Wenn man über den westeuropäischen Tellerrand hinaus blickt, bietet sich vielfach ein anderes Bild.

Gott ist wieder da! Diese recht provokante These stellt Samuel P. Huntington auf, der Autor des Bestsellers "Kampf der Kulturen". Und er argumentiert folgendermaßen:

Fast 300 Jahre war die Religion auf dem Rückzug. Im 17. Jahrhundert, nach vielen blutigen Religionskriegen, versuchten die europäischen Herrscher, mit dem Westfälischen Frieden den Einfluss der Religion auf die Politik zu begrenzen. Im darauf folgenden Jahrhundert priesen Denker der Aufklärung die Vernunft gegenüber dem Glauben als Quelle der menschlichen Erkenntnis.

Im 19. Jahrhundert wuchs die Erwartung, dass die Wissenschaft die Religion entthronen werde. Die Menschheit, so glaubte man weithin, trete in eine neue Ära von Rationalismus, Pragmatismus und säkularer Weltsicht ein.

Modernisierung und Moderne höhlten die Religion scheinbar aus, sie erschien als dunkles Relikt der Vergangenheit. In der westlichen Welt praktizierten immer weniger Menschen eine Religion, die Kirchen leerten sich.

In der politischen Arena trat die Ideologie an die Stelle der Religion. Die Menschen definierten sich durch die Identifikation mit einer der großen Ideologien: Liberalismus, Sozialismus, Kommunismus, Faschismus, Autoritarismus, Korporativismus, Demokratie.

Im letzten Viertel des 20. Jahrhunders kehrte sich die Entwicklung in Richtung Säkularisierung jedoch beinahe weltweit um. In fast allen Teilen der Welt setzte eine Renaissance der Religion ein - außer in Westeuropa.

Und es waren nicht die Älteren, sondern die Jungen, die die besonders religiösen Menschen waren. Nicht die armen Bauern, sondern die aufstrebenden, gut ausgebildeten Angestellten und Freiberufler.

Das 21. Jahrhundert beginnt als das Zeitalter der Religion. Westliche säkulare politische Modelle geraten unter Druck und werden abgelöst:
  • Im Iran sind die Bemühungen des Schahs, einen modernen, säkularen und westlichen Staat zu schaffen, der Iranischen Revolution zum Oper gefallen.
  • In Russland ist Lenins säkularer, antireligiöser Sowjetstaat einem russischen Staat gewichen, der den orthodoxen Glauben als zentral "für die Verankerung und Entwicklung von Russlands Spiritualitualität und Kultur" ansieht.
  • In der Türkei wird Atatürks Vision eines westlich orientierten, säkularen Nationalstaates von einer immer mächtigeren islamistischen Bewegung angegriffen; 2002 hat eine religiöse politische Partei die Wahlen gewonnen und die Regierung gebildet.
  • Nehrus Vorstellung von Indien als einer säkularen, sozialistischen, parlamentarischen Demokratie wurde von mehreren politischen und religiösen Bewegungen angegriffen, und die daraus hervor gegangene BJP-Partei hat den Wahlsieg davon getragen und die Regierung übernommen.
  • Ben-Gurions Vision von Israel als einer weltlichen, jüdischen und sozialen Demokratie wurde von orthodoxen jüdischen Gruppen zurückgewiesen.
  • Bei Wahlen in der arabischen Welt haben fast durchgängig islamistische politische Parteien zu Beginn des neuen Jahrhunderts ihren Stimmenanteil steigern können.

Was ist Ihre Meinung?
  • Wird die Religion aus der Welt verschwinden?
  • Oder ist die Talsohle überschritten - gibt es eine Renaissance des Religiösen?
  • Ist Westeuropa eine Ausnahme? Warum ist hier die Säkularisierung weiter fortgeschritten bzw. hält sie sich länger als überall anders?
  • Wird Gott auch in unserem Kontinent "zurückkehren"?

Ist Gott wieder da?

Wie denken Sie darüber? 
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Quelle: Gott ist wieder da! (Cicero)
(Josef Falk)