"Europa ist krank"
von Papst Benedikt XVI.
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Der alte Kontinent zeigt
Zerfallserscheinungen.
Er verliert mit seiner Religiosität die Achtung vor sich
selbst.
Der aktuelle Kampf der Kulturen hält Europa
einen unangenehmen Spiegel vor. Denn er entlarvt seinen
fehlenden Spiritualismus. Europa kannte über Jahrhunderte
nur ein Gegenüber, mit dem es auskommen musste: den Islam.
Amerika wurde europäisiert. In Asien
und Afrika startete man den Versuch, sie zu Zweigstellen
Europas zu machen, zu Kolonien. Teilweise ist dies auch gelungen,
insofern, als Asien und Afrika das Ideal einer von Technik und
Wohlstand beherrschten Welt übernahmen und säkulare
Ideen das öffentliche Leben immer stärker bestimmten.
Aber es ergibt sich auch eine entgegengesetzte Wirkung: Das Wiederaufblühen
des Islam ist nicht nur durch den materiellen Reichtum
islamischer Länder bedingt, seine Ausbreitung erklärt
sich auch daher, dass er seinen Anhängern eine lebensnahe,
spirituelle Basis bieten kann und genau diese scheint
dem alten Europa verloren gegangen zu sein. Deshalb
wird Letzteres, trotz seines politischen und wirtschaftlichen
Gewichts, als dem Niedergang geweiht angesehen. |
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Europa scheint auf dem Höhepunkt seines Erfolges innerlich
ausgehöhlt. Gewissermaßen ist sein Kreislaufsystem
zusammengebrochen und diese lebensbedrohliche Situation soll durch
Transplantationen abgewandt werden, mit denen es jedoch auch seine
Identität zerstört. Neben diesem internen Schwinden
tragender spiritueller Kräfte befindet sich Europa auch ethnisch
auf dem Weg in den Untergang. Die Zuversicht in die Zukunft
ist auf eine sonderbare Weise abhanden gekommen. Die Kinder, die
doch unsere Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart,
als Einschränkung unserer Lebensqualität angesehen.
In ihnen sieht man nicht die Hoffnungsträger, sondern eine
Last für die Gegenwart. Der Vergleich mit dem zerfallenden
Römischen Reich drängt sich auf: Der geschichtliche
Rahmen funktionierte noch, als es bereits von denjenigen lebte,
die seinen Zerfall herbeiführen würden, weil es seine
Vitalität eingebüßt hatte.
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Eine Antwort finden wir, wenn wir die heutige Zeit im Spiegel
der historischen Wurzeln betrachten. Wir waren der Französischen
Revolution und dem 19. Jahrhundert verhaftet geblieben.
In dieser Zeit entstanden vor allem zwei neue europäische
Modelle. In den romanischen Nationen das laizistische
Modell: Der Staat ist strikt von den religiösen
Körperschaften getrennt, die dem privaten Sektor zugeordnet
werden. Andererseits gibt es in der germanischen Welt differenzierte
Modelle einer Staatskirche des liberalen Protestantismus,
in denen eine aufgeklärte, christliche Religion als moralische
Instanz für moralischen Konsens und eine breite religiöse
Basis sorgt, in die sich die einzelnen, nichtstaatlichen Religionen
einfügen müssen. Dieses Modell sicherte in Großbritannien
und vor allem auch im preußischen Deutschland für
lange Zeit den Zusammenhalt von Staat und Kirche.
In Deutschland entstand jedoch durch den Niedergang des preußischen
Staates ein Vakuum, das in der Folgezeit der Entstehung einer
Diktatur Platz bot.
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Zu den beiden oben erwähnten Modellen gesellt
sich noch ein drittes, im neunzehnten Jahrhundert entstandenes
Gesellschaftsmodell: der Sozialismus, der sich bald in
zwei unterschiedliche Lager spaltete, den totalitären und
den demokratischen Sozialismus. Der demokratische Sozialismus
war in der Lage, seit seinem Aufkommen sich in die beiden existierenden
Modelle einzufügen und ein gesundes Gegengewicht zu den liberal-radikalen
Standpunkten zu bilden und diese darüber hinaus zu bereichern
und zu korrigieren. Der Sozialismus bildete zudem ein überkonfessionelles
Moment. In vielerlei Hinsicht befand und befindet sich
der demokratische Sozialismus nahe bei der sozialen katholischen
Doktrin; in jedem Fall hat er zur Bildung eines sozialen
Bewusstseins einen beträchtlichen Beitrag geleistet. |
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| Und so sehen wir uns mit der Frage konfrontiert:
Wie soll es weitergehen? Gibt es in den gewalttätigen
Umwälzungen, die unsere Zeit erschüttern, die Aussicht
auf eine europäische Identität, für die wir uns mit
Leib und Seele einsetzen können? Ich möchte lediglich
kurz auf die moralischen Grundelemente, die meines Erachtens nicht
fehlen dürfen, zu sprechen kommen. |
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Ein erstes Element ist die „Unbedingtheit“,
mit der Menschenwürde und Menschenrechte als Grundpfeiler
jeglicher staatlicher Gesetzgebung als Werte bestehen müssen.
Diese grundlegenden Werte werden weder vom Gesetzgeber geschaffen
noch dem Bürger zuerkannt, „sondern existieren als
Recht per se, müssen von Anbeginn an vom Gesetzgeber respektiert
werden, werden ihm vorab als Werte höherer Ordnung gegeben“.
Die Gültigkeit der Menschenwürde steht über jeglichem
politschen Handeln und über jeglicher politischer Entscheidung
und verweist letztlich nur auf den Schöpfer |
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Ein zweiter Punkt, der die Identität
Europas verkörpert, ist die Ehe und die Familie.
Die monogame Ehe als Grundstruktur der Beziehung zwischen Mann
und Frau und gleichzeitig als Urzelle des staatlichen Gebildes
entstand auf der Grundlage des biblischen Glaubens. Europa wäre
nicht mehr Europa, wenn diese Urzelle seines sozialen Gebäudes
verschwinden oder grundlegend verändert würde. |
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Der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte,
ist die Frage der Religiosität. In unserer heutigen
Gesellschaft wird man - Gott sei Dank - bestraft, wenn man den jüdischen
Glauben entehrt. Auch wird bestraft, wer den Koran und die Überzeugungen
des Islam verhöhnt. Handelt es sich hingegen um das, was den
Christen heilig ist, so erscheint hier die Meinungsfreiheit wie
das höchste Gut und eine Beschränkung in diesem Zusammenhang
käme einer Bedrohung oder gar der Zerstörung der Toleranz
und der Freiheit im Allgemeinen gleich. |
| Hier leidet der Westen unter einem merkwürdigen
Selbsthass, den man nur als pathologisch bezeichnen kann; zwar
tendiert der Westen in löblicher Weise dazu, offen für
andere Wertvorstellungen zu sein, doch mag er sich selbst nicht
mehr leiden. Von seiner eigenen Geschichte sieht er nurmehr
das, was verwerflich und destruktiv ist und er ist nicht mehr in
der Lage zu erkennen, was groß und rein ist. |
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Doch gerade vor dem anderen und
für den anderen ist es unsere Pflicht, in uns selbst die
Achtung vor dem, was heilig ist, zu nähren und das Antlitz
Gottes, der uns erschienen ist, zu zeigen; eines Gottes, der Mitleid
mit den Armen und Schwachen hat, mit den Witwen und Waisen, mit
den Fremden; eines Gottes, der so menschlich ist, dass er selbst
Mensch geworden ist, ein leidender Mensch, der, indem er mit uns
leidet, dem Schmerz Würde und Hoffnung verleiht. Wenn wir
das nicht tun, so verleugnen wir nicht nur die Identität
Europas, sondern unterlassen darüber hinaus einen Dienst,
den wir am Nächsten tun müssen, einen Dienst, auf den
er ein Anrecht hat. Für die Kulturen der Welt ist das absolut
Weltliche, das sich im Westen gebildet hat, ein zutiefst befremdliches
Phänomen. Sie sind überzeugt davon, dass eine Welt ohne
Gott keine Zukunft hat. Somit fordert uns gerade die multikulturelle
Gesellschaft dazu auf, wieder in uns zu gehen. |
Ist Europa krank?
Wie krank ist Europa?
Wird die europäische Kultur untergehen wie die
römische?
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Quelle: Cicero
Zusammengestellt von F. Herzog
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