Thema Juni 2005 01 / 282 22 44
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"Europa ist krank"

von Papst Benedikt XVI.

Der alte Kontinent zeigt Zerfallserscheinungen.
Er verliert mit seiner Religiosität die Achtung vor sich selbst.

Der aktuelle Kampf der Kulturen hält Europa einen unangenehmen Spiegel vor. Denn er entlarvt seinen fehlenden Spiritualismus. Europa kannte über Jahrhunderte nur ein Gegenüber, mit dem es auskommen musste: den Islam. Amerika wurde europäisiert. In Asien und Afrika startete man den Versuch, sie zu Zweigstellen Europas zu machen, zu Kolonien. Teilweise ist dies auch gelungen, insofern, als Asien und Afrika das Ideal einer von Technik und Wohlstand beherrschten Welt übernahmen und säkulare Ideen das öffentliche Leben immer stärker bestimmten.
Aber es ergibt sich auch eine entgegengesetzte Wirkung: Das Wiederaufblühen des Islam ist nicht nur durch den materiellen Reichtum islamischer Länder bedingt, seine Ausbreitung erklärt sich auch daher, dass er seinen Anhängern eine lebensnahe, spirituelle Basis bieten kann und genau diese scheint dem alten Europa verloren gegangen zu sein. Deshalb wird Letzteres, trotz seines politischen und wirtschaftlichen Gewichts, als dem Niedergang geweiht angesehen.

Europa scheint auf dem Höhepunkt seines Erfolges innerlich ausgehöhlt. Gewissermaßen ist sein Kreislaufsystem zusammengebrochen und diese lebensbedrohliche Situation soll durch Transplantationen abgewandt werden, mit denen es jedoch auch seine Identität zerstört. Neben diesem internen Schwinden tragender spiritueller Kräfte befindet sich Europa auch ethnisch auf dem Weg in den Untergang. Die Zuversicht in die Zukunft ist auf eine sonderbare Weise abhanden gekommen. Die Kinder, die doch unsere Zukunft sind, werden als Bedrohung der Gegenwart, als Einschränkung unserer Lebensqualität angesehen. In ihnen sieht man nicht die Hoffnungsträger, sondern eine Last für die Gegenwart. Der Vergleich mit dem zerfallenden Römischen Reich drängt sich auf: Der geschichtliche Rahmen funktionierte noch, als es bereits von denjenigen lebte, die seinen Zerfall herbeiführen würden, weil es seine Vitalität eingebüßt hatte.

Eine Antwort finden wir, wenn wir die heutige Zeit im Spiegel der historischen Wurzeln betrachten. Wir waren der Französischen Revolution und dem 19. Jahrhundert verhaftet geblieben. In dieser Zeit entstanden vor allem zwei neue europäische Modelle. In den romanischen Nationen das laizistische Modell: Der Staat ist strikt von den religiösen Körperschaften getrennt, die dem privaten Sektor zugeordnet werden. Andererseits gibt es in der germanischen Welt differenzierte Modelle einer Staatskirche des liberalen Protestantismus, in denen eine aufgeklärte, christliche Religion als moralische Instanz für moralischen Konsens und eine breite religiöse Basis sorgt, in die sich die einzelnen, nichtstaatlichen Religionen einfügen müssen. Dieses Modell sicherte in Großbritannien und vor allem auch im preußischen Deutschland für lange Zeit den Zusammenhalt von Staat und Kirche. In Deutschland entstand jedoch durch den Niedergang des preußischen Staates ein Vakuum, das in der Folgezeit der Entstehung einer Diktatur Platz bot.

Zu den beiden oben erwähnten Modellen gesellt sich noch ein drittes, im neunzehnten Jahrhundert entstandenes Gesellschaftsmodell: der Sozialismus, der sich bald in zwei unterschiedliche Lager spaltete, den totalitären und den demokratischen Sozialismus. Der demokratische Sozialismus war in der Lage, seit seinem Aufkommen sich in die beiden existierenden Modelle einzufügen und ein gesundes Gegengewicht zu den liberal-radikalen Standpunkten zu bilden und diese darüber hinaus zu bereichern und zu korrigieren. Der Sozialismus bildete zudem ein überkonfessionelles Moment. In vielerlei Hinsicht befand und befindet sich der demokratische Sozialismus nahe bei der sozialen katholischen Doktrin; in jedem Fall hat er zur Bildung eines sozialen Bewusstseins einen beträchtlichen Beitrag geleistet.
Und so sehen wir uns mit der Frage konfrontiert: Wie soll es weitergehen? Gibt es in den gewalttätigen Umwälzungen, die unsere Zeit erschüttern, die Aussicht auf eine europäische Identität, für die wir uns mit Leib und Seele einsetzen können? Ich möchte lediglich kurz auf die moralischen Grundelemente, die meines Erachtens nicht fehlen dürfen, zu sprechen kommen.
Ein erstes Element ist die „Unbedingtheit“, mit der Menschenwürde und Menschenrechte als Grundpfeiler jeglicher staatlicher Gesetzgebung als Werte bestehen müssen. Diese grundlegenden Werte werden weder vom Gesetzgeber geschaffen noch dem Bürger zuerkannt, „sondern existieren als Recht per se, müssen von Anbeginn an vom Gesetzgeber respektiert werden, werden ihm vorab als Werte höherer Ordnung gegeben“. Die Gültigkeit der Menschenwürde steht über jeglichem politschen Handeln und über jeglicher politischer Entscheidung und verweist letztlich nur auf den Schöpfer
Ein zweiter Punkt, der die Identität Europas verkörpert, ist die Ehe und die Familie. Die monogame Ehe als Grundstruktur der Beziehung zwischen Mann und Frau und gleichzeitig als Urzelle des staatlichen Gebildes entstand auf der Grundlage des biblischen Glaubens. Europa wäre nicht mehr Europa, wenn diese Urzelle seines sozialen Gebäudes verschwinden oder grundlegend verändert würde.

Der letzte Punkt, den ich ansprechen möchte, ist die Frage der Religiosität. In unserer heutigen Gesellschaft wird man - Gott sei Dank - bestraft, wenn man den jüdischen Glauben entehrt. Auch wird bestraft, wer den Koran und die Überzeugungen des Islam verhöhnt. Handelt es sich hingegen um das, was den Christen heilig ist, so erscheint hier die Meinungsfreiheit wie das höchste Gut und eine Beschränkung in diesem Zusammenhang käme einer Bedrohung oder gar der Zerstörung der Toleranz und der Freiheit im Allgemeinen gleich.
Hier leidet der Westen unter einem merkwürdigen Selbsthass, den man nur als pathologisch bezeichnen kann; zwar tendiert der Westen in löblicher Weise dazu, offen für andere Wertvorstellungen zu sein, doch mag er sich selbst nicht mehr leiden. Von seiner eigenen Geschichte sieht er nurmehr das, was verwerflich und destruktiv ist und er ist nicht mehr in der Lage zu erkennen, was groß und rein ist.

Doch gerade vor dem anderen und für den anderen ist es unsere Pflicht, in uns selbst die Achtung vor dem, was heilig ist, zu nähren und das Antlitz Gottes, der uns erschienen ist, zu zeigen; eines Gottes, der Mitleid mit den Armen und Schwachen hat, mit den Witwen und Waisen, mit den Fremden; eines Gottes, der so menschlich ist, dass er selbst Mensch geworden ist, ein leidender Mensch, der, indem er mit uns leidet, dem Schmerz Würde und Hoffnung verleiht. Wenn wir das nicht tun, so verleugnen wir nicht nur die Identität Europas, sondern unterlassen darüber hinaus einen Dienst, den wir am Nächsten tun müssen, einen Dienst, auf den er ein Anrecht hat. Für die Kulturen der Welt ist das absolut Weltliche, das sich im Westen gebildet hat, ein zutiefst befremdliches Phänomen. Sie sind überzeugt davon, dass eine Welt ohne Gott keine Zukunft hat. Somit fordert uns gerade die multikulturelle Gesellschaft dazu auf, wieder in uns zu gehen.

Ist Europa krank?

Wie krank ist Europa?

Wird die europäische Kultur untergehen wie die römische?

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Quelle: Cicero
Zusammengestellt von F. Herzog