Thema April 2005 01 / 282 22 44
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Brauchen Kirchen Ketzer?

„Brauchen Kirchen Ketzer?“ – so lautete das Thema des Konstanzer Konzilgesprächs, das vom dt. Südwestrundfunk veranstaltet wurde.
Wer sich in Südfrankreich umschaut, stößt auf das Schild: "Vous entrez le Pays Cathare" ("Sie betreten das Katharerland"). Seit 600 Jahren gibt es in dieser Gegend keine Katharer mehr – aber diese Straßenschilder tun so, als sei der Geist der Katharer oder zumindest die Erinnerung an ihn lebendiger denn je. Warum wohl?
Mit einem anderen Begriff werden Ketzer auch „Häretiker“ genannt – das Kirchenrecht versteht unter „Häresie“ die „beharrliche Leugnung einer zu glaubenden Wahrheit oder einen beharrlichen Zweifel an einer Glaubenswahrheit“. Ein interessantes Detail dabei: Der Begriff des Häretikers wird mit dem Kirchenrecht von 1983 nur auf katholische Christen angewandt, die die volle Gemeinschaft mit der Kirche aufgegeben haben. Mit anderen Worten: nichtkatholische Christen sind „getrennte Brüder“, aber keine „Häretiker“.
Ob das die Kirchen gut finden oder nicht: Säkularisierte Zeitgenossen verbinden in ihrer Vorstellung Christentum und Kirche zutiefst mit dem zumeist äußerst gewaltsamen Umgang mit allerlei Abweichlern in der 2000-jährigen Geschichte. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man sich in Theologie und Kirche längst um ein historisch-kritisches, ein aufgeklärtes Verhältnis zur eigenen Ketzergeschichte bemüht.


Giordano Bruno

Jan Hus wurde 1415 in Konstanz verbrannt. Im Fall des 1600 in Rom verbrannten Giordano Bruno konnte Rom sich zwar nicht zu einer Rehabilitierung entschließen , aber immerhin bedauerte der Vatikan das Verfahren und den grausamen Tod des vor 400 Jahren verbrannten Dominikaners und Philosophen. Der 1632 von der Inquisition verurteilte Galileo Galilei wurde 1992 von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert.

Die Kirche holt die Kontinuität mit der Vergangenheit ein!

Ketzer gibt es nur dort, wo auch eine bestimmte Lehre mit einer bestimmten Autorität verkündet wird. Nur dort besteht auch die Möglichkeit einer Abweichung. Die Geschichte der Ketzer im Christentum ist die Geschichte des Christentums, wie es mit jenen Gläubigen umgegangen ist, die Auffassungen in Glaubens- und Sittenlehre vertraten, die neu, ungewohnt, in den Hauptstrom christlicher beziehungsweise römisch-katholischer Lehrauffassungen (noch) nicht einzugliedern waren.  

Ohne Lehre keine Ketzerei.

Es gilt auch umgekehrt: ohne Ketzerei keine Lehre.

Die Frage der Konstanzer Konzilgespräche, ob Kirchen Ketzer brauchen, könnte man durchaus mit Ja beantworten. Manche Irrlehre von gestern wurde schon zur rechten Lehre von morgen. Auch wenn dies keineswegs für alle Abweichungen gelten muss. Tatsache ist jedenfalls: Die Notwendigkeit unterscheiden zu müssen zwischen dem, was man als rechten Glauben betrachtet und was nicht, hört niemals auf. Die mittelalterlich-martialische Vorstellung vom „Ketzer“ mag sich erübrigen, die Unterscheidung der Geister nicht.
Fragt sich nur, welche Mittel man jeweils im Umgang mit diesen mehr oder weniger produktiven Störenfrieden anwendet. Scheiterhaufen werden nicht mehr aufgeschichtet, aber auch der Entzug einer Lehrerlaubnis muss in der Sache berechtigt und rechtlich einwandfrei sein, was bekanntlich nicht immer der Fall ist.
Und noch eines gehört dazu: Wer überall nur Feinde zu erkennen meint, wer immerfort meint, sich abgrenzen zu müssen von der Welt draußen, der sieht auch überall Abweichungen und Irrlehren. Wer dagegen die Geschichte der Glaubensverkündigung und der Glaubensvermittlung ernst nimmt, kann sich gelassener geben. Christen kommen, seit dass es sie gibt, nicht umhin, den Glauben immer wieder neu in der Sprache und den Bildern ihrer jeweiligen Zeit auszusagen. Damit besteht naturgemäß auch die Gefahr, Einseitigkeiten und Missverständnissen aufzusitzen, wie sie für menschliche Kommunikation unvermeidlich sind.
Die Konservativen glauben sich umgeben von einem universellen Abfall vom wahren Glauben. Doch: Wer sind die Autoritäten, wer die Irrlehrer? Sie trauern einer Übersichtlichkeit vergangener Zeiten nach, in denen klarer unterschieden werden konnte zwischen autoritativer Lehre und frevelhafter Abweichung davon.
Aber auch für die Abweichler selbst hat sich einiges verändert. Ketzer zu sein beziehungsweise sein zu wollen ist wohlfeil geworden. Wenn alle bestehenden Institutionen und Autoritäten in Frage gestellt werden, ist das Ketzersein gewissermaßen der Normalfall – verträgt sich das aber mit dem Ketzersein? Wenn Ketzer wirklich Querdenker sein sollten und wollten, dann müssten sie heute eigentlich eher zu den Kritikern der Ketzer gehören. So ändern sich die Zeiten.

Wo hört kritisches Hinterfragen des Glaubens auf und wo beginnt die Glaubensabweichung?

Nützen "Ketzer" dem Fortschritt im Glauben oder gefährden sie ihn??

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Autor: Klaus Nientiedt
Quelle: Konradsblatt

Zusammengestellt von F. Herzog