„Brauchen Kirchen Ketzer?“ – so
lautete das Thema des Konstanzer Konzilgesprächs, das vom dt.
Südwestrundfunk veranstaltet wurde.
Wer sich in Südfrankreich umschaut, stößt auf das
Schild: "Vous entrez le Pays Cathare" ("Sie betreten
das Katharerland"). Seit 600 Jahren gibt es in dieser Gegend
keine Katharer mehr – aber diese Straßenschilder tun
so, als sei der Geist der Katharer oder zumindest die Erinnerung
an ihn lebendiger denn je. Warum wohl? |
Mit einem anderen Begriff werden Ketzer auch „Häretiker“
genannt – das Kirchenrecht versteht unter „Häresie“
die „beharrliche Leugnung einer zu glaubenden Wahrheit oder
einen beharrlichen Zweifel an einer Glaubenswahrheit“.
Ein interessantes Detail dabei: Der Begriff des Häretikers
wird mit dem Kirchenrecht von 1983 nur auf katholische Christen
angewandt, die die volle Gemeinschaft mit der Kirche aufgegeben
haben. Mit anderen Worten: nichtkatholische Christen sind „getrennte
Brüder“, aber keine „Häretiker“.
Ob das die Kirchen gut finden oder nicht: Säkularisierte Zeitgenossen
verbinden in ihrer Vorstellung Christentum und Kirche zutiefst mit
dem zumeist äußerst gewaltsamen Umgang mit allerlei Abweichlern
in der 2000-jährigen Geschichte. Daran ändert auch die
Tatsache nichts, dass man sich in Theologie und Kirche längst
um ein historisch-kritisches, ein aufgeklärtes Verhältnis
zur eigenen Ketzergeschichte bemüht.
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Giordano Bruno
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Jan Hus wurde 1415 in Konstanz verbrannt. Im Fall
des 1600 in Rom verbrannten Giordano Bruno konnte Rom sich zwar
nicht zu einer Rehabilitierung entschließen , aber immerhin
bedauerte der Vatikan das Verfahren und den grausamen Tod des
vor 400 Jahren verbrannten Dominikaners und Philosophen. Der 1632
von der Inquisition verurteilte Galileo Galilei wurde 1992 von
Papst Johannes Paul II. rehabilitiert.
Die Kirche holt die Kontinuität mit der Vergangenheit
ein!
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| Ketzer gibt es nur dort, wo auch eine bestimmte Lehre mit einer
bestimmten Autorität verkündet wird. Nur dort besteht
auch die Möglichkeit einer Abweichung. Die Geschichte
der Ketzer im Christentum ist die Geschichte des Christentums, wie
es mit jenen Gläubigen umgegangen ist, die Auffassungen in
Glaubens- und Sittenlehre vertraten, die neu, ungewohnt, in den
Hauptstrom christlicher beziehungsweise römisch-katholischer
Lehrauffassungen (noch) nicht einzugliedern waren. |
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Ohne Lehre keine Ketzerei.
Es gilt auch umgekehrt: ohne Ketzerei keine Lehre.
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| Die Frage der Konstanzer Konzilgespräche, ob
Kirchen Ketzer brauchen, könnte man durchaus mit Ja beantworten.
Manche Irrlehre von gestern wurde schon zur rechten Lehre
von morgen. Auch wenn dies keineswegs für alle Abweichungen
gelten muss. Tatsache ist jedenfalls: Die Notwendigkeit unterscheiden
zu müssen zwischen dem, was man als rechten Glauben betrachtet
und was nicht, hört niemals auf. Die mittelalterlich-martialische
Vorstellung vom „Ketzer“ mag sich erübrigen, die
Unterscheidung der Geister nicht. |
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Fragt sich nur, welche
Mittel man jeweils im Umgang mit diesen mehr oder weniger produktiven
Störenfrieden anwendet. Scheiterhaufen werden nicht mehr
aufgeschichtet, aber auch der Entzug einer Lehrerlaubnis muss
in der Sache berechtigt und rechtlich einwandfrei sein, was bekanntlich
nicht immer der Fall ist.
Und noch eines gehört dazu: Wer überall nur
Feinde zu erkennen meint, wer immerfort meint, sich abgrenzen
zu müssen von der Welt draußen, der sieht auch überall
Abweichungen und Irrlehren. Wer dagegen die Geschichte
der Glaubensverkündigung und der Glaubensvermittlung ernst
nimmt, kann sich gelassener geben. Christen kommen, seit
dass es sie gibt, nicht umhin, den Glauben immer wieder neu in
der Sprache und den Bildern ihrer jeweiligen Zeit auszusagen.
Damit besteht naturgemäß auch die Gefahr, Einseitigkeiten
und Missverständnissen aufzusitzen, wie sie für menschliche
Kommunikation unvermeidlich sind.
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Die Konservativen glauben sich umgeben von einem universellen
Abfall vom wahren Glauben. Doch: Wer sind die Autoritäten,
wer die Irrlehrer? Sie trauern einer Übersichtlichkeit vergangener
Zeiten nach, in denen klarer unterschieden werden konnte zwischen
autoritativer Lehre und frevelhafter Abweichung davon.
Aber auch für die Abweichler selbst hat sich einiges verändert.
Ketzer zu sein beziehungsweise sein zu wollen ist wohlfeil geworden.
Wenn alle bestehenden Institutionen und Autoritäten in Frage
gestellt werden, ist das Ketzersein gewissermaßen der Normalfall
– verträgt sich das aber mit dem Ketzersein? Wenn
Ketzer wirklich Querdenker sein sollten und wollten, dann müssten
sie heute eigentlich eher zu den Kritikern der Ketzer gehören.
So ändern sich die Zeiten. |
Wo hört kritisches Hinterfragen des Glaubens auf
und wo beginnt die Glaubensabweichung?
Nützen "Ketzer" dem Fortschritt im Glauben
oder gefährden sie ihn??
Wie denken Sie darüber?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung in unser
FORUM
Autor: Klaus Nientiedt
Quelle: Konradsblatt
Zusammengestellt von F. Herzog
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