Toleranz
im interreligiösen Dialog
Widersprüche nicht unterdrücken, sondern
anerkennen und ertragen
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| Die Auseinandersetzung mit dem Islam, der öffentliche Streit
um „das Kopftuch“ in Frankreich und Deutschland, aber
auch die Präsidentschaftswahl in den USA zeigen, dass Religion
nach der Aufklärung keineswegs nur Privatsache, sondern nach
wie vor ein gesellschaftlicher und politischer Faktor ist. Ob
sich Religion in der modernen Gesellschaft eher als lebensdienlich
oder aber als lebensfeindlich erweist, ist keineswegs ausgemacht. |
| Einerseits wächst das Bewusstsein für Gemeinsamkeiten
und die gemeinsame Weltverantwortung der Religionen. Andererseits
zeigen die religiös motivierten Terroranschläge des 11.
September 2001 in den USA und des 11. März 2004 in Spanien
auf brutale Weise, dass „die Zeit der interreligiösen
Schummelei unwiderruflich an ihr Ende gekommen ist“
wie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland,
Bischof Wolfgang Huber, unlängst schrieb. Huber stellte freilich
auch klar, dass ein durch Toleranz geprägter Dialog der Religionen
damit keineswegs am Ende ist, sondern jetzt erst richtig beginnen
kann und muss. Eine der zentralen Fragen im interreligiösen
Dialog lautet, wie sich Toleranz und eigener Wahrheitsanspruch miteinander
versöhnen lassen. |
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Vor 275 Jahren kam Gotthold Ephraim Lessing
zur Welt. Das Wiener Burgtheater ehrt den Dichter und Aufklärer
mit einer Neuinszenierung von „Nathan dem Weisen“.
Die Ringparabel
aus diesem Stück gilt noch immer als eine wegweisende Konzeption
für interreligiöse Toleranz. In einer scharfsichtigen
Analyse hat der evangelische Theologe Wilfried Härle gezeigt,
dass Lessings Ringparabel keineswegs ein weiterführender
Beitrag zum Toleranzproblem ist. Sie ist nämlich gar kein
Ausdruck von echter Toleranz, sondern von religiöse Indifferenz,
weil sie die Wahrheitsfrage von vornherein suspendiert und damit
den jeweiligen Geltungsanspruch der verschiedenen Religionen gar
nicht ernst nimmt. Folgerichtig wird Religion auf Moralität
reduziert. |
| Die Moralisierung der Religion durch die Aufklärung und die
mit ihr verbundene religiöse Indifferenz sind aber einer der
Faktoren, die zur Hilflosigkeit der modernen säkularen
Gesellschaft gegenüber dem Wiedererstarken von Religion und
religiösen Fundamentalismen führt. Eben darum
bietet Lessings Ringparabel für den interreligiösen Dialog
kein gegenwartstaugliches Modell. |
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Gefordert ist stattdessen eine Haltung der Toleranz,
welche religiöse Wahrheitsansprüche gerade in ihrer
Widerständigkeit ernst nimmt und den Konflikt der Geltungsansprüche
aus der Kraft der eigenen Glaubensgewissheit zu tragen versucht.
Ich spreche an dieser Stelle von konstruktiver Toleranz, die zutiefst
im biblischen Evangelium und im christlichen Glauben wurzelt.
Die Anerkennung anderer Religionen und konstruktive Toleranz
ihnen gegenüber gründen in dem gemeinsamen Glauben an
die allen Menschen und auch den Kirchen zuvorkommende Gnade Christi,
der nicht für die Gerechten, sondern für die Gottlosen
und um ihrer Sünden willen gestorben ist. Zu christlicher
Toleranz drängt die Vergebung, die einem selbst widerfahren
ist, die Erfahrung der Barmherzigkeit, der Güte und Menschenfreundlichkeit
Gottes, der der Vater aller Menschen ist. |
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Eine durch das Evangelium motivierte Toleranz
lässt widerstreitende religiöse Wahrheitsansprüche,
welche den christlichen Glauben in Frage oder seine Wahrheit in
Abrede stellen, gelten. Der Widerspruch soll auch nicht,
wie es in der Geschichte des Christentums immer wieder geschehen
ist, unterdrückt, sondern als solcher anerkannt werden. Er
kann aber nur so anerkannt werden, dass ihm nicht zugestimmt,
sondern dass er ertragen wird — und eben das meint ja wörtlich
das lateinische Wort „tolerantia“: ein Ertragen, das
zugleich ein Erleiden ist. Solches Erleiden ist eine Gestalt der
Nachfolge Christi, dessen Wahrheit sich im Leiden und gerade nicht
gewaltsam durchsetzt. |
Wo beginnt und wo endet (inter-)religiöse Toleranz?
Heisst Toleranz, dass es egal ist, was wir glauben?
Wie denken Sie darüber?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung in unser
FORUM
Text: Ulrich H. J. Körtner
Vorstand des Instituts
für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen
Fakultät der Universität Wien
Quelle: Bildungs-Werk-Zeug
Zusammengestellt von F. Herzog
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