Thema März 2005 01 / 282 22 44
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Toleranz im interreligiösen Dialog
Widersprüche nicht unterdrücken, sondern anerkennen und ertragen

Die Auseinandersetzung mit dem Islam, der öffentliche Streit um „das Kopftuch“ in Frankreich und Deutschland, aber auch die Präsidentschaftswahl in den USA zeigen, dass Religion nach der Aufklärung keineswegs nur Privatsache, sondern nach wie vor ein gesellschaftlicher und politischer Faktor ist. Ob sich Religion in der modernen Gesellschaft eher als lebensdienlich oder aber als lebensfeindlich erweist, ist keineswegs ausgemacht.
Einerseits wächst das Bewusstsein für Gemeinsamkeiten und die gemeinsame Weltverantwortung der Religionen. Andererseits zeigen die religiös motivierten Terroranschläge des 11. September 2001 in den USA und des 11. März 2004 in Spanien auf brutale Weise, dass „die Zeit der interreligiösen Schummelei unwiderruflich an ihr Ende gekommen ist“ wie der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, unlängst schrieb. Huber stellte freilich auch klar, dass ein durch Toleranz geprägter Dialog der Religionen damit keineswegs am Ende ist, sondern jetzt erst richtig beginnen kann und muss. Eine der zentralen Fragen im interreligiösen Dialog lautet, wie sich Toleranz und eigener Wahrheitsanspruch miteinander versöhnen lassen.

Vor 275 Jahren kam Gotthold Ephraim Lessing zur Welt. Das Wiener Burgtheater ehrt den Dichter und Aufklärer mit einer Neuinszenierung von „Nathan dem Weisen“. Die Ringparabel aus diesem Stück gilt noch immer als eine wegweisende Konzeption für interreligiöse Toleranz. In einer scharfsichtigen Analyse hat der evangelische Theologe Wilfried Härle gezeigt, dass Lessings Ringparabel keineswegs ein weiterführender Beitrag zum Toleranzproblem ist. Sie ist nämlich gar kein Ausdruck von echter Toleranz, sondern von religiöse Indifferenz, weil sie die Wahrheitsfrage von vornherein suspendiert und damit den jeweiligen Geltungsanspruch der verschiedenen Religionen gar nicht ernst nimmt. Folgerichtig wird Religion auf Moralität reduziert.
Die Moralisierung der Religion durch die Aufklärung und die mit ihr verbundene religiöse Indifferenz sind aber einer der Faktoren, die zur Hilflosigkeit der modernen säkularen Gesellschaft gegenüber dem Wiedererstarken von Religion und religiösen Fundamentalismen führt. Eben darum bietet Lessings Ringparabel für den interreligiösen Dialog kein gegenwartstaugliches Modell.
Gefordert ist stattdessen eine Haltung der Toleranz, welche religiöse Wahrheitsansprüche gerade in ihrer Widerständigkeit ernst nimmt und den Konflikt der Geltungsansprüche aus der Kraft der eigenen Glaubensgewissheit zu tragen versucht. Ich spreche an dieser Stelle von konstruktiver Toleranz, die zutiefst im biblischen Evangelium und im christlichen Glauben wurzelt. Die Anerkennung anderer Religionen und konstruktive Toleranz ihnen gegenüber gründen in dem gemeinsamen Glauben an die allen Menschen und auch den Kirchen zuvorkommende Gnade Christi, der nicht für die Gerechten, sondern für die Gottlosen und um ihrer Sünden willen gestorben ist. Zu christlicher Toleranz drängt die Vergebung, die einem selbst widerfahren ist, die Erfahrung der Barmherzigkeit, der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, der der Vater aller Menschen ist.

Eine durch das Evangelium motivierte Toleranz lässt widerstreitende religiöse Wahrheitsansprüche, welche den christlichen Glauben in Frage oder seine Wahrheit in Abrede stellen, gelten. Der Widerspruch soll auch nicht, wie es in der Geschichte des Christentums immer wieder geschehen ist, unterdrückt, sondern als solcher anerkannt werden. Er kann aber nur so anerkannt werden, dass ihm nicht zugestimmt, sondern dass er ertragen wird — und eben das meint ja wörtlich das lateinische Wort „tolerantia“: ein Ertragen, das zugleich ein Erleiden ist. Solches Erleiden ist eine Gestalt der Nachfolge Christi, dessen Wahrheit sich im Leiden und gerade nicht gewaltsam durchsetzt.

Wo beginnt und wo endet (inter-)religiöse Toleranz?

Heisst Toleranz, dass es egal ist, was wir glauben?

Wie denken Sie darüber? 
Schreiben Sie uns Ihre Meinung in unser FORUM

Text: Ulrich H. J. Körtner
Vorstand des Instituts
für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen
Fakultät der Universität Wien

Quelle: Bildungs-Werk-Zeug

Zusammengestellt von F. Herzog