Thema Oktober 2004 01 / 282 22 44
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"Religion als Heilmittel gegen die Gewalt"

(Bischof Anthony Theodore Lobo)

Der folgende Text ist auszugsweise einem Vortrag, den Bischof Antonius Lobo von Islamabad-Rawalpindi, Pakistan, am 7.Septemer im Rahmen einer Tagung der Gemeinschaft Sant Egidio über “Religionen und Kulturen” in Mailand gehalten hat, entnommen.

Religionen als Heilmittel gegen Gewalt - Zyniker werden sich höchstwahrscheinlich über diese Überschrift mokieren. Sie können viele Beispiele von Kriegen und sogar von “heiligen Kriegen” (Dschihad) anführen, die durch Religionen verursacht wurden. Mein Thema jedoch ist der Dialog der Religionen in einer Welt von Kriegen. Ich bin überzeugt, dass dieser heute nicht nur möglich sondern auch äußerst notwendig ist.

Meine Überzeugung gründet sich auf Erfahrungen, die beweisen, dass es für eine Religion möglich ist, Gewalt zu heilen, besonders in ihrer systematischen und strukturellen Form. Ich biete Ihnen keine Utopien an, sondern Tatsachen aus der jüngsten Geschichte. Diese beweisen, dass die Religion sowohl in Mikro- als auch in Makrobereichen Gewalt heilen kann. So kann der Dialog der Religionen die Wurzeln der Gewalt und der Kriege in unserer heutigen Welt heilen.

Mein Makrobeispiel ist Mahatma Gandhi. Ich habe am Anfang betont, dass der Sündenfall die “douceur” [Sanftheit, Zartheit] des Menschengeschlechtes nicht zerstört hat. Er schwächte sie, aber sie bleibt Gottes Geschenk an uns und unser Auftrag, mit ihr zusammen entlang des von Gewalt gekennzeichneten Weges vorwärts zu gehen. Wir wollen sehen, wie Mahatma Gandhi dies getan hat.

Tief in der Seele des südasiatischen Volkes finden sich zwei spezifische Merkmale, die in zwei Religionen betont werden: Gewaltlosigkeit (“ahimsa”) im Buddhismus und Fasten im Dschainismus (indische Religion, die gleichzeitig mit dem Buddhismus entstand). So wurde, was ich Merkmale einer gemeinsamen Anthropologie nannte (gegründet auf unsere Ebenbildlichkeit mit dem göttlichen Original) von diesen beiden Religionen betont (Gewaltlosigkeit vom Buddhismus und Selbsthingabe vom Dschainismus).

Mahatma Gandhi ging von diesen tief im Herzen der südasiatischen Psyche verankerten Charakterzügen aus und nutzte sie für politische Zwecke, nämlich, um Indien von der Kolonialherrschaft zu befreien. Unnötig zu sagen, dass alle Volksstämme Indiens (zu denen heute auch Pakistan und Bangladesch gehören), obwohl sie unterschiedlichen Religionen angehören (Hindus und Moslems), bis in die tiefsten Schichten ihres Wesens angerührt waren und Gandhi auf dem Weg zur Freiheit folgten.

Gandhi nutzte ein weiteres Merkmal der gemeinsamen Anthropologie, das ich (die göttliche) Wahrheit nenne. Durch seine Satyagarhabewegung (satyagarha, an der Wahrheit fest halten) stellte er sich in friedlichen Protesten an die Spitze von Zehntausenden Hindus und Moslems. Unbewaffnete Menschen führten diese Proteste zum Sieg. Ihre einzige Waffe war die Wahrheit, dass alle Menschen gleichwertig sind und keine Rasse das Recht hat, eine andere zu kolonisieren oder zu beherrschen.

Und sollten wir glauben, dass Gandhis Erfolg nur auf Indien beschränkt war und keine Konsequenz für die übrige Welt hatte, müssen wir uns daran erinnern, dass das, was er in Indien tat, überall in der Welt kopiert wurde, indem zuerst in anderen Teilen Asiens und Afrikas das britische Empire und danach das holländische, französische und portugiesische demontiert wurde.

Martin Luther King Junior wandte Gandhis Methoden an, um für die Bürgerrechte zu kämpfen und der Rassentrennung der Afroamerikaner in den USA ein Ende zu bereiten. Nelson Mandela wandte diese Methoden an, um die Apartheid in Südafrika zu demontieren. Keine schlechte Erfolgsbilanz für einen Mann, den Winston Churchill den “nackten Fakir von Indien” nannte. Seine Methoden demontierten die strukturelle Gewalt des Kolonialismus, der Segregation und der Apartheid auf drei Kontinenten.

Lassen Sie mich am Schluss dieses Makrobeispiels Ghandi selbst zitieren. Gandhi sagte einmal: „Wenn jeder das Gesetz des "Aug‘ um Auge" praktiziert, wird die ganze Erde bald blind sein.“ Wenn es heute Kriege überall in der Welt gibt, bedeutet das, dass die Menschen weithin blind geworden sind. Das Ziel dieser Tagung im Allgemeinen und mein Vortrag im Besonderen besteht darin zu versuchen, den Blinden die Augen zu öffnen.

Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich davon überzeugt bin, dass, wenn ein solcher Dialog der Religionen fortgeführt wird und sich ausbreitet, sowohl im Makro- als auch im Mikrobereich, alle Ungerechtigkeiten, die in einem System herrschen, und alle strukturellen Ungerechtigkeiten eliminiert werden und die Kriege in unserer Welt aufhören werden.


Haben Religionen ein Heilmittel gegen Gewalt und Krieg?

Oder fördern Religionen "Heilige Kriege" und den Geist des "Aug um Auge"?

Wie denken Sie darüber? 
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Quellen: Zenit

Zusammengestellt von F. Herzog