"Religion als Heilmittel gegen die Gewalt"
(Bischof Anthony Theodore Lobo)
|
|
Religionen als Heilmittel
gegen Gewalt - Zyniker werden sich höchstwahrscheinlich über
diese Überschrift mokieren. Sie können viele Beispiele
von Kriegen und sogar von “heiligen Kriegen” (Dschihad)
anführen, die durch Religionen verursacht wurden. Mein
Thema jedoch ist der Dialog der Religionen in einer Welt von Kriegen.
Ich bin überzeugt, dass dieser heute nicht nur möglich
sondern auch äußerst notwendig ist.
Meine Überzeugung gründet sich auf Erfahrungen,
die beweisen, dass es für eine Religion möglich ist,
Gewalt zu heilen, besonders in ihrer systematischen und
strukturellen Form. Ich biete Ihnen keine Utopien an, sondern
Tatsachen aus der jüngsten Geschichte. Diese beweisen, dass
die Religion sowohl in Mikro- als auch in Makrobereichen Gewalt
heilen kann. So kann der Dialog der Religionen die Wurzeln der
Gewalt und der Kriege in unserer heutigen Welt heilen.
|
|
|
|
Mein Makrobeispiel ist
Mahatma Gandhi. Ich habe am Anfang betont, dass der Sündenfall
die “douceur” [Sanftheit, Zartheit] des Menschengeschlechtes
nicht zerstört hat. Er schwächte sie, aber sie
bleibt Gottes Geschenk an uns und unser Auftrag, mit ihr zusammen
entlang des von Gewalt gekennzeichneten Weges vorwärts zu
gehen. Wir wollen sehen, wie Mahatma Gandhi dies getan
hat.
Tief in der Seele des südasiatischen Volkes
finden sich zwei spezifische Merkmale, die in zwei Religionen
betont werden: Gewaltlosigkeit (“ahimsa”) im Buddhismus
und Fasten im Dschainismus (indische Religion, die gleichzeitig
mit dem Buddhismus entstand). So wurde, was ich Merkmale
einer gemeinsamen Anthropologie nannte (gegründet auf unsere
Ebenbildlichkeit mit dem göttlichen Original) von diesen
beiden Religionen betont (Gewaltlosigkeit vom Buddhismus
und Selbsthingabe vom Dschainismus).
Mahatma Gandhi ging von diesen tief im Herzen der südasiatischen
Psyche verankerten Charakterzügen aus und nutzte sie für
politische Zwecke, nämlich, um Indien von der Kolonialherrschaft
zu befreien. Unnötig zu sagen, dass alle Volksstämme
Indiens (zu denen heute auch Pakistan und Bangladesch gehören),
obwohl sie unterschiedlichen Religionen angehören (Hindus
und Moslems), bis in die tiefsten Schichten ihres Wesens angerührt
waren und Gandhi auf dem Weg zur Freiheit folgten.
|
| Gandhi nutzte ein weiteres Merkmal der gemeinsamen
Anthropologie, das ich (die göttliche) Wahrheit nenne. Durch
seine Satyagarhabewegung (satyagarha, an der Wahrheit fest halten)
stellte er sich in friedlichen Protesten an die Spitze von Zehntausenden
Hindus und Moslems. Unbewaffnete Menschen führten diese Proteste
zum Sieg. Ihre einzige Waffe war die Wahrheit, dass alle
Menschen gleichwertig sind und keine Rasse das Recht hat, eine andere
zu kolonisieren oder zu beherrschen.
Und sollten wir glauben, dass Gandhis Erfolg nur auf Indien beschränkt
war und keine Konsequenz für die übrige Welt hatte,
müssen wir uns daran erinnern, dass das, was er in Indien
tat, überall in der Welt kopiert wurde, indem zuerst in anderen
Teilen Asiens und Afrikas das britische Empire und danach das
holländische, französische und portugiesische demontiert
wurde. |
|
|
Martin Luther King Junior wandte Gandhis Methoden
an, um für die Bürgerrechte zu kämpfen und der Rassentrennung
der Afroamerikaner in den USA ein Ende zu bereiten. Nelson Mandela
wandte diese Methoden an, um die Apartheid in Südafrika zu
demontieren. Keine schlechte Erfolgsbilanz für einen
Mann, den Winston Churchill den “nackten Fakir von Indien”
nannte. Seine Methoden demontierten die strukturelle Gewalt des
Kolonialismus, der Segregation und der Apartheid auf drei Kontinenten.
|
|
|
Lassen Sie mich am Schluss dieses Makrobeispiels
Ghandi selbst zitieren. Gandhi sagte einmal: „Wenn
jeder das Gesetz des "Aug‘ um Auge" praktiziert,
wird die ganze Erde bald blind sein.“ Wenn es heute
Kriege überall in der Welt gibt, bedeutet das, dass die Menschen
weithin blind geworden sind. Das Ziel dieser Tagung im Allgemeinen
und mein Vortrag im Besonderen besteht darin zu versuchen, den
Blinden die Augen zu öffnen.
|
|
Zum Schluss möchte ich sagen, dass ich davon überzeugt
bin, dass, wenn ein solcher Dialog der Religionen fortgeführt
wird und sich ausbreitet, sowohl im Makro- als auch im Mikrobereich,
alle Ungerechtigkeiten, die in einem System herrschen, und alle
strukturellen Ungerechtigkeiten eliminiert werden und die Kriege
in unserer Welt aufhören werden. |
Haben Religionen ein Heilmittel gegen Gewalt
und Krieg?
Oder fördern Religionen "Heilige Kriege"
und den Geist des "Aug um Auge"?
Wie denken Sie darüber?
Schreiben Sie uns Ihre Meinung in unser
FORUM
Quellen: Zenit
Zusammengestellt von F. Herzog
|
|