Thema September 2004 01 / 282 22 44
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"Chancen des Christlichen in einer ökonomisierten Welt "


Der große evangelische Theologe Dieter Bonhoeffer prophezeite dem Christentum, in einer Welt auftreten zu müssen, die ohne Gott auskommen wird. Diese Welt scheint im so genannten Westen Wirklichkeit zu werden. Und sie tut es mehr, als es sich Bonhoeffer in den 30er und 40er Jahren des 20.Jahrhunderts vorstellen konnte. In etlichen Bereichen unserer westlichen Kultur(en) – in der Wirtschaft, auf dem Finanzmarkt, in der Politik, in der Wissenschaftsszene, innerhalb der Medienimperien – haben sich bereits Spielregeln durchgesetzt, die jeder, der darin mitmacht, einhalten muss, ob er will oder nicht. Die Frage,die sich nunmehr stellt, lautet: Lassen diese Spielregeln noch Platz für Ethik im Allgemeinen und für christliches Verhalten im Speziellen? Gibt es in ihrem Rahmen noch eine Chance für eine Verwirklichung christlicher Überzeugungen?


Kirche muss mit moderner Welt "auf Augenhöhe" sein

Für eine Kirche, die mit der modernen Welt "auf Augenhöhe" ist, hat der Bischof von Trier, Reinhard Marx, in seinem Eröffnungsvortrag bei den diesjährigen "Salzburger Hochschulwochen" plädiert. Bischof Marx warnte vor einer ausschließlich negativen Sicht der Moderne. Die Achillesferse des modernen Staates seien Freiheitsentscheidungen, die nicht erzwungen werden können, wie etwa die Entscheidung, eine Ehe zu schließen und Kinder zu zeugen und großzuziehen. Man müsse sich daher in Europa fragen, "ob die Voraussetzungen für gelungenes Menschsein gegeben sind, ohne sie jemand aufzuzwingen".


Reiche werden immer reicher und Freche immer frecher

Der Generaldirektor der Raiffeisenbank Salzburg, Manfred Holztrattner sprach zum Thema Arm und Reich. Denn in einem genossenschaftlich organisierten Unternehmen, das seinen Mitgliedern verpflichtet ist, sieht man im gegenwärtigen Wirtschaften eine falsch verstandene Form der Marktwirtschaft. "Reiche werden immer reicher und Freche immer frecher" aber wenn man meine, man könne nichts dagegen tun, "so ist das sicher das falsche Rezept". Vertrauen, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit seien im internationalen Wirtschaftsleben kaum noch zu erkennen.

Die Folgen dieser Form des Wirtschaftens sieht der Raika-Chef pessimistisch: "Es ist eine neue moralische Kompetenz in Politik und Wirtschaft zu entwickeln. Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung haben alle Schleusen geöffnet."


Mehr Freiheit - weniger Festigkeit

Der St. Gallener Soziologe Peter Gross wies bei seinem Vortrag besonders auf die Probleme des heutigen Menschen mit seiner Freiheit hin. Die moderne Gesellschaft sei eine "Multioptionsgesellschaft", so Gross. Unter den Bedingungen der totalen Freiheit sei es aber schwieriger geworden, "Festigkeit" im Leben zu finden. Vielmehr sei es zur "gigantischen Vervielfältigung von Wahl- und Handlungsmöglichkeiten" gekommen. Das betreffe die Menschen nicht nur als Konsumenten und Kunden. Auch "Theorien, Weltanschauungen und Führungslehren" stünden heute in inflationärer Weise zur Auswahl.
Wenngleich nicht alle Menschen die heutige Freiheit und Vielfalt nutzen könnten, gebe es das "Prinzip der Wahlmöglichkeit". Darin unterscheide sich die heutige Gesellschaft von früheren. Kennzeichen dieser Gesellschaft sei auch die "Enttraditionalisierung". Als ein Beispiel nannte Gross den Wegfall von Regeln bei den Feiern an Lebensübergängen, die früher bis ins Detail festgelegt waren. Einzig die Kirche habe heute noch Erfolg mit dem Argument: "Wir machen das, weil wir das immer so gemacht haben", so Gross.

Welche Chancen haben Christen in einer zunehmend ent-christlichten Welt ?

Wie können Christen solidarisch sein in einer ent-solidarisierten Gesellschaft?

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Zusammengestellt von F. Herzog