"Gesundheit als Religion"
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Gott, Glück und Gesundheit? Erwartungen an ein gelungenes
Leben. Gesundheit wird in der modernen Gesellschaft immer mehr
zum höchsten Wert. Fitness nimmt eine geradezu religiöse
Bedeutung ein. Krankheit, Leiden und Tod werden aus dem Bewusstsein
der Öffentlichkeit zunehmend verdrängt, obwohl sie unausweichlich
sind. Ob ein Leben zufrieden stellt und gelingt, hängt für
viele Menschen vor allem vom physischen Wohlbefinden ab. Die heurige
Ökumenische Sommerakademie im Stift Kremsmünster
analysierte diesen Wertewandel und stellt ihn in Gegensatz zum
religiösen, vor allem christlichen Welt- und Menschenbild,
in dem auch das Leiden und das Sterben ihren realen Platz haben
und nicht sinnlos sind.
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Stift Kremsmünster
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"Die Leute laufen durch die Wälder, fressen Körner
und sterben dennoch"
(Manfred Lütz)
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Manfred Lütz |
Was ist Gesund? Der Kölner Psychiater Manfred Lütz
hält nur eine einzige Definition für haltbar: "Gesund
ist ein Mensch, der mit seinen Krankheiten einigermaßen
glücklich leben kann". Auch wer gesund ist,
ließe sich laut Lütz ganz einfach fest stellen, denn
"gesund", sei nur ein Mensch der "nicht ausreichend
untersucht wurde". Während für die alten Griechen
die Gesundheit ein "Göttergeschenk" war, so gelte
die Gesundheit heute als "wiederherstellbares Gut".
Nach dem Motto "Wer stirbt ist selber schuld". Grundsätzlich
habe er nichts gegen Sport und eine gesunde Lebensweise. Daraus
habe sich aber ein "religiöser Kult" entwickelt.
So verglich der Psychiater etwa die Chefarztvisite im
Krankenhaus mit einer Prozession und die Verordnungen des Hausarztes
als Bußregeln. "Die Benediktinerregeln sind dagegen
der reinste Schlendrian".
Der Ausdruck "Sünde", sagt Lütz,
komme auf evangelischen und katholischen Kanzeln kaum vor, wohl
aber im "Zusammenhang mit Sahnetörtchen".
Blasphemisch könne man nur noch im Bereich der Gesundheitsreligion
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"Früher hatte der Mensch
ein gesundes Verhältnis zur Krankheit,
heute ein krankes Verhältnis zur Gesundheit"
(Klaus Arntz) |
"Jung, schön, fit und glücklich?"
Hätte die katholische Ethik-Expertin Regina Ammicht-Quinn
hinter ihren Vortragstitel kein Fragezeichen gesetzt - es klänge
wie eine Tatsachenfeststellung. Der Körper sei in nie gekannter
Weise in den Mittelpunkt gerückt, so die Theologin . Die
Beschäftigung mit dem Körper und die Sorge um ihn
habe bereits "quasi-religiöse" Züge angenommen.
Längst habe die Wissenschaft den Körper für sich
entdeckt. So werde etwa ein DNA-basierter Computer entwickelt.
Elektronische Erweiterungen des Körpers finden sich etwa
im Herz-Schrittmacher, in Insulinpumpen und bald vielleicht
schon in künstlichen Augen.
Der Gesundheits- und Schönheitskult wirke zwar in unterschiedlicher
Weise auf Männer und Frauen. Der Körper werde
nicht mehr einfach als "da", sondern als "gut"
oder "schlecht" bewertet. Gerade weil der
Körper "immer dünner werden muss", sei der
"Körper als Markt" eine Wachstumsbranche. Gewinnspannen
von bis zu 90 Prozent bei Körperpflegeprodukten, würden
deren "Heiligkeit" suggerieren. - Eine "Heiligkeit",
die laut der Theologin aber nicht erlangt werden könne.
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Regina Ammicht-Quinn
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"Schönheit funktioniert, indem Frauen
danach streben, sie zu besitzen,
während Männer danach streben, Frauen zu besitzen,
die Schönheit besitzen."
(Ammicht-Quinn)
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Eberhard Jüngel
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Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel
versuchte in seinem Referat die Zusammenhänge von
"Glück" und "Seligkeit" zu klären.
Studien würden heute belegen, dass die Bewertung ob ein Leben
glücklich verläuft, für viele Menschen vor allem
vom physischen Wohlbefinden abhängt. Krankheit, Leiden und
Tod würden laut Ansicht des Theologen vielfach aus dem Bewusstsein
verdrängt.
Das Glück sei laut Jüngel ein "Zustand, für
den der Mensch, der sich in diesen Zustand versetzt erfährt,
überaus dankbar ist". Weil das Glück aber
vergänglich ist, könne es daher auch nicht das höchste
Gut sein, so Jüngel. Zur Unterscheidung von Glück
und Seligkeit sagte Jüngel: "Das Glück
schließt das Unglück aus". Der Begriff der Seligkeit
lasse hingegen laut Jüngel Glück auch
in der Trauer finden. Seligkeit berge demnach das Glück in
sich.
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"Über das Glück kann man nur
stammeln"
(Eberhard Jüngel)
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Ist Glück und Gesundheit tatsächlich das höchste
Gut?
Haben wir verlernt mit Krankheit, Leid und Tod umzugehen?
Oder verdrängen wir es nur?
Sind "Fitness", "Bio" und "Schönheitskult"
zur Ersatzreligion geworden?
Wie denken Sie darüber?
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FORUM
Zusammengestellt von F. Herzog
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