Thema August 2004 01 / 282 22 44
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"Gesundheit als Religion"

Gott, Glück und Gesundheit? Erwartungen an ein gelungenes Leben. Gesundheit wird in der modernen Gesellschaft immer mehr zum höchsten Wert. Fitness nimmt eine geradezu religiöse Bedeutung ein. Krankheit, Leiden und Tod werden aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit zunehmend verdrängt, obwohl sie unausweichlich sind. Ob ein Leben zufrieden stellt und gelingt, hängt für viele Menschen vor allem vom physischen Wohlbefinden ab. Die heurige Ökumenische Sommerakademie im Stift Kremsmünster analysierte diesen Wertewandel und stellt ihn in Gegensatz zum religiösen, vor allem christlichen Welt- und Menschenbild, in dem auch das Leiden und das Sterben ihren realen Platz haben und nicht sinnlos sind.


Stift Kremsmünster

"Die Leute laufen durch die Wälder, fressen Körner und sterben dennoch"

(Manfred Lütz)


Manfred Lütz

Was ist Gesund? Der Kölner Psychiater Manfred Lütz hält nur eine einzige Definition für haltbar: "Gesund ist ein Mensch, der mit seinen Krankheiten einigermaßen glücklich leben kann". Auch wer gesund ist, ließe sich laut Lütz ganz einfach fest stellen, denn "gesund", sei nur ein Mensch der "nicht ausreichend untersucht wurde". Während für die alten Griechen die Gesundheit ein "Göttergeschenk" war, so gelte die Gesundheit heute als "wiederherstellbares Gut". Nach dem Motto "Wer stirbt ist selber schuld". Grundsätzlich habe er nichts gegen Sport und eine gesunde Lebensweise. Daraus habe sich aber ein "religiöser Kult" entwickelt. So verglich der Psychiater etwa die Chefarztvisite im Krankenhaus mit einer Prozession und die Verordnungen des Hausarztes als Bußregeln. "Die Benediktinerregeln sind dagegen der reinste Schlendrian".
Der Ausdruck "Sünde", sagt Lütz, komme auf evangelischen und katholischen Kanzeln kaum vor, wohl aber im "Zusammenhang mit Sahnetörtchen". Blasphemisch könne man nur noch im Bereich der Gesundheitsreligion werden.

"Früher hatte der Mensch ein gesundes Verhältnis zur Krankheit,
heute ein krankes Verhältnis zur Gesundheit"

(Klaus Arntz)

"Jung, schön, fit und glücklich?" Hätte die katholische Ethik-Expertin Regina Ammicht-Quinn hinter ihren Vortragstitel kein Fragezeichen gesetzt - es klänge wie eine Tatsachenfeststellung. Der Körper sei in nie gekannter Weise in den Mittelpunkt gerückt, so die Theologin . Die Beschäftigung mit dem Körper und die Sorge um ihn habe bereits "quasi-religiöse" Züge angenommen. Längst habe die Wissenschaft den Körper für sich entdeckt. So werde etwa ein DNA-basierter Computer entwickelt. Elektronische Erweiterungen des Körpers finden sich etwa im Herz-Schrittmacher, in Insulinpumpen und bald vielleicht schon in künstlichen Augen.

Der Gesundheits- und Schönheitskult wirke zwar in unterschiedlicher Weise auf Männer und Frauen. Der Körper werde nicht mehr einfach als "da", sondern als "gut" oder "schlecht" bewertet. Gerade weil der Körper "immer dünner werden muss", sei der "Körper als Markt" eine Wachstumsbranche. Gewinnspannen von bis zu 90 Prozent bei Körperpflegeprodukten, würden deren "Heiligkeit" suggerieren. - Eine "Heiligkeit", die laut der Theologin aber nicht erlangt werden könne.


Regina Ammicht-Quinn

"Schönheit funktioniert, indem Frauen danach streben, sie zu besitzen,
während Männer danach streben, Frauen zu besitzen,
die Schönheit besitzen."

(Ammicht-Quinn)


Eberhard Jüngel

Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel versuchte in seinem Referat die Zusammenhänge von "Glück" und "Seligkeit" zu klären. Studien würden heute belegen, dass die Bewertung ob ein Leben glücklich verläuft, für viele Menschen vor allem vom physischen Wohlbefinden abhängt. Krankheit, Leiden und Tod würden laut Ansicht des Theologen vielfach aus dem Bewusstsein verdrängt.
Das Glück sei laut Jüngel ein "Zustand, für den der Mensch, der sich in diesen Zustand versetzt erfährt, überaus dankbar ist". Weil das Glück aber vergänglich ist, könne es daher auch nicht das höchste Gut sein, so Jüngel. Zur Unterscheidung von Glück und Seligkeit sagte Jüngel: "Das Glück schließt das Unglück aus". Der Begriff der Seligkeit lasse hingegen laut Jüngel Glück auch in der Trauer finden. Seligkeit berge demnach das Glück in sich.

"Über das Glück kann man nur stammeln"

(Eberhard Jüngel)


Ist Glück und Gesundheit tatsächlich das höchste Gut?

Haben wir verlernt mit Krankheit, Leid und Tod umzugehen? Oder verdrängen wir es nur?

Sind "Fitness", "Bio" und "Schönheitskult" zur Ersatzreligion geworden?

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Zusammengestellt von F. Herzog