Thema Juli 2004 01 / 282 22 44
pfarre.stadlau@donbosco.at

"Proletariat unter Jugendlichen"

Die katholischen Bischöfe in Deutschland warnen vor der Entstehung eines "Proletariats unter Jugendlichen". Die Kirche rufe alle Verantwortlichen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft auf, Lösungen zu suchen und umzusetzen, heißt es in einem Positionspapier der Bischofskonferenz. Der Vorsitzende der Kommission für Erziehung und Schule, der Münchner Weihbischof Engelbert Siebler, stellte das Papier "Den Schüler stark machen - neue Wege in (Haupt-) Schule und Beruf" in Hamburg vor.

Jeder fünfte Jugendliche verlässt in Deutschland die Schule ohne Abschluss oder bricht die Ausbildung ab. Diese Jugendlichen werden oft als nicht ausbildungsfähig kategorisiert, weil ihnen die Grundlagen in den Kulturtechniken und persönlichen Eigenschaften wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit fehlen. Schließlich bleibt jeder siebente Jugendliche (14 %) gänzlich ohne Berufsausbildung. Hinzu kommt ein sich verschärfendes soziales Gefälle: Kinder aus gut situierten Verhältnissen stehen leistungsmäßig besser da als Kinder aus sozial schwachen Familien. Die soziale Ungleichheit erschwert die Förderung der „vergessenen Jugendlichen“.

Wer kümmert sich um diese vernachlässigten oder benachteiligten Jugendlichen?

Die Schule stößt an ihre Grenzen. In aller Regel sind diese Jugendlichen schulmüde oder frustriert, weil sie oft kein oder nur selten ein Erfolgserlebnis haben. Die Schulen haben häufig nicht die erforderlichen Möglichkeiten, um die fehlenden Kompetenzen und die sozialen Defizite allein aufzuarbeiten.
Die Arbeits- und Sozialverwaltung bietet berufsvorbereitende oder sozialbetreuende Maßnahmen an, aber oft werden diese schulähnlichen Angebote nicht angenommen, nicht ausreichend genutzt oder abgelehnt, weil diese Jugendlichen meist die Schule „satt haben“.
Die Wirtschaft ist in aller Regel nicht bereit, Jugendliche mit Defiziten im Sozialverhalten und mangelndem Wissen und Können für eine geordnete Ausbildung aufzunehmen, weil sie nicht die qualitativen und menschlichen Voraussetzungen für eine erfolgreiche praktische Ausbildung mitbringen.

Eine vergessene Generation von Schülern und Jugendlichen

Mit Sorge ist die Entwicklung einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu beobachten, denen die gegebene Bildungs- und Erziehungssituation in Deutschland keine gerechten Möglichkeiten der Integration in unser Gesellschafts- und Arbeitsleben eröffnet. Trotz des differenzierten Schul- und Bildungsangebots in den deutschen Ländern sind die einzelnen Schulformen und Schulen nur unzureichend darauf vorbereitet, angemessene Lern- und Leistungsangebote für diese Mädchen- und Jungen zu entwickeln.

Schule neu denken

Ein freies, demokratisches Gemeinwesen kann es nicht hinnehmen, dass ein hoher Prozentsatz der Jugendlichen in schulischer Hinsicht vernachlässigt wird und bleibt. Sowohl für den Einzelnen als auch für die Zukunft von Staat und Wirtschaft und Gemeinschaft ist es unerträglich, wenn sich viele junge Menschen in der Schule nicht qualifizieren für einen Einstieg ins Berufsleben und frustriert aus der Schule hervorgehen. Dies zu ändern, ist aber von der Schule allein nicht zu leisten. Es muss zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe werden, der sich alle relevanten Einrichtungen und Gruppierungen stellen müssen. Die Schule muss aufgrund neuer bzw. anderer Rahmenbedingungen in die Lage versetzt werden, dass alle jungen Menschen eine umfassende und qualifizierende Erziehung und Bildung erfahren, auf der sie ihr Leben in persönlicher und beruflicher Hinsicht aufbauen können.

Neue Wege

Es fehlt an einem schlüssigen Konzept für alle, die an der Sozialisation, Erziehung und Ausbildung solcher Jugendlichen beteiligt sind. Die Katholische Kirche sieht durchaus ihre Aufgabe als Schulträger auf diesem Feld, aber noch weit mehr als „Fürsorger“ für diese vergessenen Jugendlichen. Sie will und muss – aus christlicher Nächstenliebe – mahnend und ermutigend auf diese Generation aufmerksam machen. Es darf kein Proletariat unter Jugendlichen entstehen, das in das soziale und gesellschaftliche Abseits abdriftet – mit allen negativen Folgen für diese Menschen und die gesamte Gesellschaft. Deshalb macht sich die Kirche zum Anwalt dieser vergessenen Jugendlichen und ruft alle Verantwortlichen in Staat, Gesellschaft und Wirtschaft auf, gemeinsam nach Lösungen zu suchen und diese zügig umzusetzen.

Die soziale Schere zwischen Arm und Reich geht immer mehr auf. Dies steht oft in direktem Zusammenhang mit Bildung. Jugendarbeitslosigkeit, Jugendkriminalität steigen ständig. Wohin wir dieser Weg führen?

Welche Zukunft hat die "no-future-generation"?

Wie denken Sie darüber? 
Schreiben Sie uns Ihre Meinung in unser FORUM


Zusammengestellt von F. Herzog