Pfarre Stadlau
Gemeindeaugasse 5
1220 Wien

Thema September 2002

01 / 282 22 44 pfarre.stadlau@donbosco.at
 
 

Workaholics, Supermärkte und die Sinnkrise

Wovon wir leben werden

Wie die Festspiele sind die Salzburger Hochschulwochen ein sommerlicher Fixpunkt des Kalenders der Salzachstadt. In diesem Jahr hatten sich zwei Wochen rund 1100 Personen aus dem In- und Ausland unter dem Motto "Wovon wir leben werden" zu Vorträgen und Diskussionen versammelt.

Auf die "Beschleunigung" als Kennzeichen der heutigen Gesellschaft hat der Kölner Theologe und Religionsphilosoph Hans-Joachim Höhn einleitend hingewiesen. Der Imperativ der Moderne laute:  

"Beeile dich!" Man will in allem der Erste sein. 

Man kann aber nur der Erste sein, wenn man der Beste ist. 

Zu den Ersten und Besten zählt man allerdings nur, wenn man am schnellsten ist".

Bestes Beispiel für diese Entwicklung und Problematik sei die Biotechnik: Alles ändere sich schneller, als man bisher erwarten konnte und erlebt habe. Die Zunahme des Wissens, aber auch die Zunahme des Unwissens, erhöhten aber auch die Last menschlicher Verantwortung hinsichtlich des Tuns und Lassens.

"Workaholics" schaden sich selbst und der Firma

Wer mit seinem vielen Arbeiten ein Klima der Aggression erzeuge, schade sich selbst und der Firma, weil sich statt "Fruchtbarkeit" nur "Härte" einstelle, kritisierte der bayrische Benediktinerpater Anselm Grün. Er bedauerte, dass viele Menschen nach "festgefahrenen Mustern" arbeiteten und lebten - mit der ständigen Frage: "Mache ich alles richtig?" Solche Lebensmuster beschränkten das Leben und führten rasch zur Erschöpfung. Um den Weg zur Leben spendenden "Quelle des Geistes" zu finden, müsse man sich der eigenen Wirklichkeit stellen, indem man Konflikte anschaut, zu den eigenen Schwächen steht, nichts verdrängt und nichts "schön redet", so Grün.  

Der Benediktiner warnte auch vor dem Versuch, Gott als "Zauberer" zu benutzen, der "durch alle Probleme helfen soll, ohne dass ich die Probleme anschauen muss". Man müsse "die eigene Angst anschauen und sich ihr stellen". Dann könne man - "durch die eigene Wirklichkeit hindurch" - zu Gott finden. Die moderne Spiritualität sei in Gefahr, "narzisstisch nur um sich selbst zu kreisen". Wer aber immer nur auf sein Wohlbefinden aus ist, dessen Leben werde bald unfruchtbar. "Die Quelle wird dann nicht mehr fließen. Lebendig bin ich nur, wenn das Leben strömt. Und strömen bedeutet, dass es von mir wegfließt, auf andere zu. Wenn ich alles Leben in mir behalten will, wird es stickig", so Grün.

Die Welt - ein riesiger "Supermarkt"

Den "Primat der Ökonomie" in der heutigen Gesellschaft hat der Grazer Soziologe Prof. Manfred Prisching kritisiert. Die Folgen davon seien Umweltskandale, illegale Praktiken bei Lebensmitteln,  Hormonkälber oder die Selbstbereicherung von Managern. Es drohe eine "Vermarktlichung" aller Lebensbereiche. Sogar zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit reichten heute Eltern, Lehrer und Freunde nicht mehr aus. Vielmehr baue man auf "Persönlichkeits-Trainings", die in teuren Wochenend-Seminaren von mehr oder minder qualifizierten "Professionisten" abgehalten werden, so Prisching.

Die Welt sei "ein riesiger Supermarkt" geworden. Prisching: "Die moderne Welt gewinnt ihre Identität in zunehmenden Maß aus dem Kaufen und Verkaufen". Jede Möglichkeit solle "sofort Wirklichkeit werden, ohne Anstrengung und mit viel Spaß". Ein solches Leben nach dem Motto "Glück ist im Diesseits, und es wird spätestens morgen zu haben sein" sei aber "ein Irrtum", so der Soziologe. Man finde niemals die "Erfüllung", der Sog der ständiger Überbietung und Steigerung halte an. Prisching: "Nicht Gott ist Mensch geworden, die Menschen sind Gott geworden. Das Ende des Lebens ist zugleich die Schwelle des Verpasst-Habens".

"Sinn" als knapp werdende Ressource

Für die Religionsphilosophin Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz ist "Sinn" eine immer knapper werdende Ressource der "Generation danach", die Geschichte, Herkunft, Nation, Geschlecht hinter sich gelassen habe. Es gebe im Grunde heute "keine Stelle, an der das Heilige unmittelbar vorkommt". Inmitten eines solchen Umfelds zeige sich aber "eine Renaissance des Religiösen". Religion könne eben nicht einfach von "Rationalität" übernommen und beerbt werden.

Eine Gefahr bei der Renaissance des Religiösen sah Gerl-Falkovitz darin, dass erprobte Formen des Kultus und der Frömmigkeit verloren gegangen oder "nur eingeschrumpft erhalten" geblieben seien. So würden heute abergläubische Praktiken, Esoterik und Naturfrömmigkeit vermischt. Vieles davon werde "Spiritualität" genannt. Man verstehe darunter ein vages "Sich-verlassen auf fremde, überrationale Mächte", welche auch immer das seien - bis hin zum Satanskult. Umsomehr müsse es Aufgabe der erprobten Religionsgemeinschaften sein, die Aufmerksamkeit auf das Religiöse und auf die Sinnfrage zu lenken.


Wovon werden wir leben, wenn wir "materiell satt" sind?

Kann der Mensch noch den Fortschritt bestimmen oder bestimmt der Fortschritt den Menschen?

Sehen wir bald den "Wald" des Lebens vor lauter "Bäumen" der alltäglichen Hektik nicht mehr?

Wie denken Sie darüber? 

Schreiben Sie uns Ihre Meinung in unser Gästebuch

Quelle: Kathpress
Zusammengestellt von F. Herzog