Pfarre Stadlau
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1220 Wien

Thema Juni 2002

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Überwindung von Gewalt

Die Wahnsinnstat in der Schule von Erfurt, der 11.September, der Terror der Intifada, all das sind Begriffe aus allerjüngster Zeit, die zum Synonym für Gewalt geworden sind. Gewalt im Kleinen und Gewalt im Großen sind fast schon tägliche Begleiter geworden. Jeder Mensch und ganz besonders jeder Christ ist aufgerufen im Rahmen seiner je individuellen Möglichkeiten etwas gegen diese Gewalt zu tun. Aber mal ehrlich? Das wird die Welt nicht so rasch verändern. Wie also mit Gewalt umgehen, wenn sie schon nicht beseitigt werden kann? Vielleicht ein wenig besser, wenn man versucht sie zu verstehen.

Dr.Fernando Enns, Studienleiter am Ökumenischen Institut der Universität Heidelberg setzte sich in einem Referat vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) mit diesem Thema auseinander:

Wenn angesichts der Toten nach den Terroranschlägen von der Notwendigkeit eines "Kreuzzugs" des Guten gegen das Böse gesprochen wurde, dann spüren wir, wie sehr wir immer noch in einer Kultur der Gewalt gefangen sind. Als hätte es nun nochmals eines globalen Beweises bedurft, dass sich daran auch zu Beginn des 21.Jhs. nichts geändert hat. 

Im Rahmen der vom ÖRK ausgerufenen "Dekade zur Überwindung von Gewalt"  erarbeitete es einen Katalog von neun grundsätzlichen Arten von Gewalt:

1. Gewalt zwischen Staaten (Kriege)

2. Gewalt innerhalb von Staaten, auch als Ergebnis von Rassismus und ethnischem Hass (z.B. Bürgerkriege)

3. Gewalt als Ergebnis wirtschaftlicher und politischer Zwangsmaßnahmen (Globalisierung und ihre Folgen für manchen Regionen)

4. Gewalt innerhalb von Rechtssystemen (z.B. Todesstrafe)

5. Gewalt in lokalen Gemeinschaften (z.B. Anschläge auf Asylantenheime)

6. Gewalt zuhause und in der Familie, sexuelle Gewalt

7. Gewalt unter Jugendlichen (z.B. Kindersoldaten, aber auch die Aggression Jugendlicher in Europa als Folge einer Perspektivenlosigkeit)

8. Gewalt in der Kirche – ( Dies mag überraschen! Und doch: manche Strukturen, manches Verhalten, Normen und Moralcodices bergen versteckte Gewaltpotentiale)

9. Gewalt gegen die Schöpfung (Regenwaldrodungen, Eingriffe in menschliches Leben, Genmanipulation)

 

 

Tausendfach ist belegt, dass Gewalt nicht mit Gewalt überwunden werden kann. Die biblischen Zeugnisse sprechen deutlich von dieser Einsicht. Und doch verharrt bis zum heutigen Tage ein großer Teil der abendländischen, christlich geprägten Welt in dem tiefen Misstrauen gegenüber der Logik, dass das Böse nur mit Gutem überwunden werden kann und setzt weiterhin auf Gewalt. Vermutlich, weil wir Gewalt mit Stärke verwechseln, weil wir Liebe mit Schwäche gleichsetzen und weil wir Gewaltlosigkeit als Nichts-Tun verhöhnen. Darin irren wir gewaltig!

Denn:

Ø Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Sklaverei einmal überwunden werden könnte. Aber dann protestierten mutige Christen dagegen.

Ø Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Rassentrennung überwunden werden könnte. Aber dann gingen Christen auf die Strassen.

Ø Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Gewalt zwischen den verschiedenen Religionen in Indien gestoppt werden könnte. Aber dann fing ein kleiner Mann namens Ghandi an zu marschieren.

Ø Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Apartheidregime überwunden werden könnten. Aber dann solidarisierten sich Christen auf der ganzen Welt miteinander.

Ø Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass die Trennung Deutschlands überwunden werden könnte. Aber dann fingen Christen an zu beten und gewaltfrei zu demonstrieren.

Ø Es gab einmal eine Zeit, da glaubte niemand, dass Gewalt überwunden werden könnte, aber dann schrieben Eltern, deren Sohn Greg bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center umgekommen war, diesen Brief an Präsident Bush - ein paar Tage nach dem Anschlag (Ausschnitt):

Wir erfahren genug aus den Nachrichten um zu verstehen, dass unsere Regierung Überlegungen für eine gewaltsame Racheaktion anstellt, was bedeutet, dass wiederum Söhne, Töchter, Eltern, Freunde in einem weit entfernten Land sterben, leiden werden und der Hass gegen uns weiter genährt wird. - Dies ist nicht der Weg. Das wird den Tod unseres Sohnes nicht rächen. Tut das nicht im Namen unseres Sohnes. Unser Sohn starb als Opfer einer unmenschlichen Ideologie. Unsere Handlungen sollten nicht dem gleichen Muster folgen. Lasst uns trauern. Lasst uns nachdenken und beten. Lasst uns über eine vernünftige Reaktion nachdenken, die wirklichen Frieden und Gerechtigkeit für unsere Welt bringen könnte. Aber lasst uns nicht als eine Nation zur Unmenschlichkeit dieser Tage beitragen.

Wird es einmal eine Zeit geben, da Christen auch den schlimmsten Terroristen gegenüber das Völkerrecht und die Menschenrechte achten werden? Eine Zeit, in der sie die Anschläge aufs schärfste verurteilen und diese auch klar als Feinde identifizieren, aber sich nicht hinreißen lassen, selbst dem Geist und der Logik der Gewalt zu folgen?

Wird es eine Zeit geben, in der sie auf diese Weise ein Zeugnis ihres Glaubens geben, ihres Glaubens an den Gott, den sie den Gnädigen und Gerechten nennen und so die Gewaltspirale durchbrechen, weil ihr Zeugnis der Welt plötzlich glaub-würdig erscheint?

Wird es diese Zeit je geben?

Bedingt Gewalt immer nur noch mehr Gewalt?

Und was kann jeder einzelne dazu beitragen?

Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in unser Gästebuch.

Das gesamte Referat von Fernando Enns finden Sie hier

Zusammengefasst von F. Herzog