Pfarre Stadlau
Gemeindeaugasse 5
1220 Wien
Die Chronik der Pfarre Stadlau
Pfarrchronik 1945
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Aus der Pfarrchonik 1945

berichtet vom damaligen Pfarrer P. Michael Staudigl

Kriegsende 1945

Nach den Schilderungen der schweren Schäden nach Luftangriffen auf Stadlau am 15.Jänner und am 12.März 1945, die auch die Umgebung der Pfarrkirche betrafen und bei denen es viele Tote gab, darunter auch russische Kriegsgefangene, lesen wir in der Pfarrchronik den Bericht des damaligen Pfarrers P. Michael Staudigl über die Tage des Kriegsendes:

"Ostern konnte noch in gewohnter Weise kirchlich gefeiert werden. Da das Kriegsgeschehen immer näher rückte, verließen viele Stadlauer ihr Heim und zogen sich nach Westen zurück. Wir (die Salesianer) blieben alle hier.

Die Lokomotivführer, über vierzig, die seit Jänner in unserem Turnsaal untergebracht waren, fuhren schon am 3. April alle gegen Westen ab. An diesem Tag ging noch der letzte Evakuierungszug von Stadlau ab für die Zivilbevölkerung.

Am Donnerstag, 4. April, begann am Bahnhof die Verteilung verschiedener Bestände. Mit den Vorräten des Roten Kreuzes wurde begonnen. Erst ging es ziemlich geordnet zu, später wurde es eine regelrechte Plünderung. Der ganze Bahnhof war voll geladener Waggons, die nicht mehr abfahren konnten. Besonders arg war es am Weißen Sonntag, (8.4.) da Männer und Frauen Säcke mit Mehl und Zucker vorbeischleppten. Auch in den Fabriken ging es so zu. Lebensmittel, Stoffe, Schuhe, Zigaretten. Dabei kamen fast stündlich einzelne feindliche Flieger, warfen Sprengbomben oder schossen mit Bordwaffen. Alarm wurde nicht mehr gegeben.

In der Nacht von 7. auf 8. April wurden wir nach Mitternacht durch einen furchtbaren Schlag aus dem Schlaf geschreckt. In den Garten des Nachbars Viktor Keller (Schickgasse 4) war eine kleine russische Bombe gefallen. Wieder waren die Kirchenfenster und viele andere Scheiben zerschlagen. Von nun an schliefen wir drunten im Keller bis zum Einmarsch der Russen.

War schon in der Nacht vom 8. - 9. April ein großer Brand am Bahnhof, als das Magazin brannte, so waren in den darauf folgenden Nächten ringsum Brandherde zu sehen. Tag und Nacht hörte man Kanonendonner und das Motorengeräusch der feindlichen Flieger. Immer wieder gab es Tote durch Bombensplitter. Auch wurden an den Bahnhofsanlagen viele Sprengungen ausgeführt.

Als wir am 10. April im Keller beim Mittagessen saßen, hörten wir in nächster Nähe einige Detonationen. Eine Fensterscheibe fiel herab und Staub kam herein. Mehrere russische Sprengbomben waren in nächster Nähe der Kirche niedergegangen, Gemeindeaugasse, Schickgasse. Es war wieder viel Schaden im Haus, besonders in der Sakristei sah es schrecklich aus.

Am Samstag, 14. April morgens halb neun Uhr kamen die ersten Russen durch die Bauergasse (heute Brausewettergasse) nach Stadlau. Sie gaben durch Zeichen zu verstehen, daß man keine Angst zu haben brauche und die Leute schlossen auch gleich Freundschaft mit ihnen und gaben ihnen Zigaretten, usw. Diese Infanterie zog bald weiter über die Stadlauerstraße, Gegenwehr hatten sie keine.

Eine Stunde später wurde auch die Kirche rings umstellt. Zivilisten machten die Russen auf den Weinkeller der Gastwirtschaft Selitsch aufmerksam, der dann gemeinsam geplündert wurde. Auch die verlassene Wohnung wurde von den Zivilisten gleich ausgeräumt. Und so soll es in ganz Stadlau gewesen sein.

Nachmittags kamen einige Soldaten zu uns ins Haus und durchsuchten Zimmer und Kästen. P. Hackl und P. Mandl wurden unter Drohung mit dem Revolver von den schon betrunkenen Soldaten ihre Uhren abgenommen, den anderen Herren andere kleine Dinge entwendet. Doch hatten wir von da an Ruhe und wurden auch in der folgenden Nacht, die für Stadlau zur Schreckensnacht wurde, nicht belästigt.

Am Sonntag, dem 15. April, kamen nur ganz wenige zu den Gottesdiensten, die Leute waren eben ganz verstört und getrauten sich nicht auf die Straße, weil sie in der vergangenen Nacht Furchtbares mitgemacht hatten. In vielen Häusern waren zwei, dreimal und öfters Soldaten gekommen, hatten Frauen fortgeschleppt und vergewaltigt, dazu waren vielfach die Wohnungen ganz ausgeplündert worden. Mehrere, die sich wehrten oder schützend vor Frauen stellten, waren erschossen worden. In dieser Zeit mußten die Toten von den Angehörigen zum Friedhof gebracht und auch von ihnen dort beerdigt werden.

Beim Nachbar Schickgasse 4 war ein Zug Russen einquartiert, die nicht nur die ganze Nacht mit ihren Handwaffen schossen, sondern auch im Hof einige Minen sprengten, bei deren Explosion unsere Fenster wieder kaputt gingen.

Am Dienstag, dem 17. 4., gingen Pfarrer Staudigl und P. Mandl zu Fuß in die Stadt, da die Kagraner Brücke gesprengt war, mußten sie sich, wie alle anderen, auf Booten über die Alte Donau übersetzen lassen. Die Reichsbrücke war Gott sei Dank fast unversehrt. Da gab es noch grauenhafte Bilder zu sehen auf dem Wege über die Wagramer-, Reichsbrücken- und Praterstraße und ganz besonders im 1. Bezirk, bes. am Franz Josefs Kai. Pferdekadaver waren ganz mit Schutt bedeckt, darüber mußte man hinwegsteigen. Auch viele unbeerdigte Leichen lagen auf den Straßen, von der Sonne ganz schwarz gebrannt.

P. Staudigl schreibt in die Chronik: "Das traurigste Bild war das Ziel: der herrliche Dom nur mehr eine Ruine."

Ende Mai begann wieder Schulunterricht. Da sowohl die Haupt-, wie auch die Volksschule schwere Bombenschäden hatten und dazu die Hauptschule von den Russen besetzt wurde, war der erste Unterricht bis zu den Ferien in der notdürftig hergestellten Klosterschule. Es wurde auch gleich wieder Religionsunterricht eingeführt, den P. Mandl übernahm. Am 1.Juni wurde im Kloster wieder der Kindergarten eröffnet, und am 25.Juni das Knabenheim.

Im August wurde am Stadlauer Bahnhof, der ja jetzt wegen Zerstörung der Stadlauer Brücke Kopfbahnmhof der Ostbahn ist, eine Bahnhofsmission eingerichtet, die besonders den Flüchtlingen und Heimkehrern mit Rat und Tat zur Seite stehen will. Den Dienst dabei besorgen Stadlauer katholische Frauen ehrenamtlich. "Diese Mission ist jetzt besonders notwendig, da ein starker Flüchtlingsstrom an Deutschen täglich ankommt, die aus der Tschechoslowakei ausgewiesen werden. Man kann da oft furchtbares Elend schauen. Da diese armen Leute oft nicht wissen, wo sie hingehen sollen, andererseits die Straßenbahn lange Monate von Stadlau aus nicht fuhr, hatten wir in dieser Zeit oft Einquartierung in unserem Turnsaal."